Beschreibung
Für eine leichtere Lesbarkeit verzichte ich
darauf, zu gendern - ich weiß, dass die Tiermedizin sehr weiblich
ist. Von Herzen dürfen sich alle Menschen von mir gemeint und
angesprochen fühlen!
Stress und Burnout als Folge von Stress sind in der
Tiermedizin alles andere als ein Randthema - und doch reden wir zu
oft am Thema vorbei.
Die Zahlen sind bekannt, und die Diskussionen auch. Manche
brennen für das Thema Mental Health, und andere verdrehen dabei die
Augen. Ich brenne natürlich dafür - als Psychologin wäre es schon
recht seltsam, wenn nicht. Aber ich finde auch spannend, ob die
„Augenverdreher“ denn wirklich mental gesünder sind als „die
anderen“.
Ich finde es richtig und wichtig, es salonfähig zu machen,
darüber zu sprechen, was uns belastet - auch in der Tiermedizin.
Hier sind wir ja ohnehin recht spät dran mit dem Thema:
Die ersten wissenschaftlichen Studien zum Thema
Arbeitsbelastung und psychischem Wohlbefinden sind tatsächlich
schon etwa 80 Jahre alt - was ich kaum glauben kann, wenn ich meine
Kindheitserinnerungen an meine Großeltern frage. Jahrgänge 1914 und
1924, kannten sie harte Zeiten in ihrem Leben. Und doch habe ich
sie alle vier mental und emotional als vollkommen gesund und
entspannt in Erinnerung. Körperlich jedoch wirkten sie
vergleichsweise älter.
So richtig in Fahrt kam das Thema Stress, Burnout und
Depression in Zusammenhang mit Arbeitsbelastung ab den 1990er
Jahren, mit einem Shift hin zu breiteren gesellschaftlichen
Diskussionen in den 2010er Jahren und dem Durchbruch ab ca. 2015
hin zur absoluten Gesellschaftsfähigkeit von Mental Health. Und wir
alle wissen um den Pandemie-Effekt ab 2020, der mit dem Fokus auf
die Gesundheitsberufe eine Enttabuisierung und auch eine gewisse
Heroisierung, gepaart mit einem warnenden Zeigefinger, mit sich
brachte.
Spätentwickler Tiermedizin
Bereits vor 2010 liefen in UK und USA Studien zu einem
erhöhten Suizidrisiko bei Tierärzten, die Hinweise auf einen
Zusammenhang mit hoher Belastung lieferten(1). Das Bemerkenswerte
daran: Wissen war also da - wurde aber kaum öffentlich diskutiert.
Hier fand der Shift etwa ab 2018 - 2020 statt: es wurden mehr
Artikel zu diesem Thema veröffentlicht, es fanden zunehmend
Diskussionen in Fachmedien und -Kreisen statt und erste Initiativen
zu „Wellbeing“ liefen an. Auf Kongressen finden wir inzwischen
mitunter eigene Themenblöcke - wenn auch noch in eher kleinen
Vortragssälen, im Vergleich mit den medizinischen Themen.
Heute ist also nicht mehr wegzudenken, dass wir das Thema
Mental Health überall mitdenken. Diese Entwicklung ist wichtig und
längst überfällig. Mit einer gewissen Besorgnis allerdings
beobachte ich, dass sich unsere mentale und psychische Gesundheit
zu einer Art gehyptem Thema entwickelt - was ihr nicht gut tut, da
dies eher Wasser auf die Mühlen der Augenverdreher ist. Mental
Health macht sich breit in einer hohen Medienpräsenz mit viel
Social Media Content, wobei ich häufig vereinfachende Botschaften
wahrnehmend allzu gerne auch mit (vor-)schnellen Lösungen verknüpft
werden. Ohne „Selfcare“, „Mindset“ und „Resilienz-Hacks“ kommt man
ja, wenn man den Vertretern der Bewegung glaubt, heutzutage kaum
noch gesund durchs Leben.Auch wenn Social Media eine je nach
Plattform eher niedrige Flughöhe fordern, habe ich jedoch einen
gewissen Anspruch an die Belastbarkeit des Contents.
Viele Erklärungsansätze - sofern sie überhaupt unternommen
werden - bleiben verkürzt und konzentrieren sich stark auf
individuelle Strategien. Dadurch geraten zentrale Einflussfaktoren
wie Arbeitsbedingungen, Teamklima und soziale Unterstützung in den
Hintergrund. Das steckt hinter meinem Claim, dass es für ein
erfolgreiches und gesundes Arbeiten etwas mehr braucht als ein
Resilienztraining und einen Obstkorb - auch wenn das ein guter
Anfang ist.
Irrtum #1: Burnout entsteht durch zu viel Stress
Die Studienlage zeigt sehr konsistent, dass Stress allein
Burnout nicht ausreichend erklärt. Entscheidend ist vielmehr das
Verhältnis von Anforderungen/Stress und Ressourcen/Schutzfaktoren.
Eine Auflistung der zugrundeliegenden Studien findet sich am
Artikelende.
Was wirklich schützt
- Verbundenheit
und soziale Unterstützung (höchste Gewichtung)
Eine interessante Seite. Teile sie jetzt mit deinem Netzwerk.