Beschreibung

Warum es so schwer ist, sich selbst zu retten

Ende Juli 2026 war im SPIEGEL ein Artikel über die psychische Belastung in der Tiermedizin zu lesen.

Über ein Viertel der befragten Tierärztinnen und Tierärzte wurde positiv auf Symptome einer depressiven Symptomatik gescreent. Knapp ein Fünftel berichtete von Suizidgedanken. Bei fast einem Drittel wurde ein erhöhtes Suizidrisiko ermittelt. Befragt wurden rund 3.000 Tierärztinnen und Tierärzte im Rahmen einer Studie der FU Berlin und der Universität Leipzig.

Es ist nicht der erste Artikel dieser Art. Und er wird vermutlich nicht der letzte sein.

Die psychische Belastung in der Tiermedizin ist inzwischen kein Geheimnis mehr, sondern findet erfreulicherweise Einzug in die allgemeine mediale Berichterstattung - ein schönes Gegengewicht zu den ewigen pauschalisierenden und polarisierenden Beiträgen um zu hohe Kosten von Tierarztrechnungen und zu lange Wartezeiten im Notdienst. Man könnte also meinen:

Das Thema ist angekommen, wir wissen Bescheid.

Und trotzdem erlebe ich in Gesprächen mit einzelnen Tierärztinnen und Tierärzten immer wieder ähnliche Aussagen: „Das ist so in der Branche. Aber ich muss das hier trotzdem besser hinkriegen.“

Ich glaube nicht, dass das ein Widerspruch ist. Es sind möglicherweise zwei Ebenen, die noch nicht gut zusammenfinden.

Auf der einen Seite steht das kollektive Wissen: Unsere Berufsgruppe ist erheblichen Belastungen ausgesetzt. Und auf der anderen Seite steht die eigene, sehr konkrete Situation: das Gespräch am Empfang, das gerade eskaliert, das Team, in dem ich nicht sagen möchte, dass mir etwas zu viel wird, die Entscheidung, bei der ich selbst nicht weiterweiß. Oder dieser eine Moment, in dem alle anderen erstaunlich souverän wirken, und ich mich so defizitär und irgendwie hilflos fühle.

Die öffentliche Berichterstattung und das kollektive Bewusstsein hierüber haben sich verändert bzw. verändern sich - das individuelle Erleben im eigenen Team, in der Klinik oder Praxis verändert sich allerdings nicht automatisch mit.

Ein kurzer Umweg, der die Sache vielleicht etwas klarer macht

Es gibt in der Sozialpsychologie ein Phänomen, das pluralistische Ignoranz genannt wird.

Gemeint sind Situationen, in denen mehrere Menschen für sich etwas Ähnliches empfinden oder denken, gleichzeitig aber davon ausgehen, mit diesem Erleben eher allein zu sein.

Ein klassisches Beispiel stammt aus dem Hochschulkontext, oder auch aus Fortbildungen oder Seminaren:

Eine Sachverhalt oder eine Erklärung ist schwierig oder nicht ausführlich genug erklärt. Mehrere Menschen verstehen sie nicht - aber niemand fragt nach. Denn jeder orientiert sich am Verhalten der anderen: die schweigen schließlich auch.

So kann eine Gruppe nach außen den Eindruck erzeugen, alles sei in Ordnung, obwohl viele ihrer Mitglieder im Stillen etwas anderes erleben. Ich weiß nicht, ob und in welchem Ausmaß pluralistische Ignoranz in der Tiermedizin zur psychischen Belastung beiträgt, dazu bräuchten wir entsprechende Forschung.

Aber das Konzept lässt mich eine Beobachtung anders betrachten, die mir in meiner Arbeit häufig begegnet:

Menschen können sehr genau wissen, dass ihre Berufsgruppe belastet ist – und die eigene Überforderung trotzdem als etwas sehr Persönliches erleben. Vielleicht ist genau diese Differenz einen genaueren Blick wert.

Und dann ist mir aufgefallen, dass ich etwas ganz Ähnliches selbst mache

Ich dachte nämlich lange, ich sei die Einzige in der Beratung in der Tiermedizin, die Folgendes erlebt:

Fortbildungen, die Trainings gleichen, werden gerne angenommen; auch zu Themen wie Kommunikation, Führung oder Konflikten. Sobald es aber um Reflexion und Entwicklung geht, darum hinzuschauen, was eigentlich genau passiert, und was wir von dem verändern können, das uns den Praxisalltag schwer macht, wird es häufig schwieriger. Diese Arbeit ist naturgemäß für alle schwieriger - aber sie ist definitiv auch substanzieller.

Um Formate also, bei denen ich nicht verspreche: „Danach kennst du fünf Techniken und weißt, wie es geht.“

Sondern eher: „Wir schauen gemeinsam hin. Du wirst möglicherweise Fragen entdecken, auf die es keine fertige Antwort gibt. Und am Ende wirst du wahrscheinlich klarer darüber sein, wie du für dich zu deinen passenden Antworten kommen kannst.“

Ich habe viele Gespräche darüber, oft auch so ganz nebenbei, und höre häufig: „Genau das bräuchte ich eigentlich.“ Und trotzdem folgt daraus nur in den wenigsten Momenten ein Auftrag oder eine Buchung. Immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich überlege, was ich noch besser machen muss, um die Menschen zu erreichen: besser erklären, greifbarer machen…

In meinen Gesprächen mit den wunderbaren Kolleg*innen, die ebenfalls beratend in der Tiermedizin tätig sind - an sich fast alle selbst aus dem tiermedizinischen Kontext - höre ich aber immer wieder, dass sie es ganz ähnlich erleben. Warum ist es so unfassbar schwierig, einen Workshop zum Thema „Wie will ich dafür sorgen, dass ich gesund und mit Freude in meinem Beruf bleiben kann“, oder ein Retreat für Burnout-Prophylaxe vollzubekommen? Warum wird diese Schwelle nicht überschritten, der Raum der eigenen Gestaltung nicht betreten?

Das ist natürlich keine empirische Untersuchung, und daraus möchte ich auch nicht ableiten, dass dieses Phänomen die gesamte Tiermedizin betrifft. Oder dass ich nicht doch selbst etwas deutlich verbessern sollte. Gleichzeitig ist es meiner Meinung nach genug, um meine ursprüngliche Erklärung infrage zu stellen. Vielleicht liegt es nicht nur an meinem Angebot oder an mir persönlich - vielleicht gibt es hier ein Muster, das sich zu untersuchen lohnt.

Wissen ist noch nicht Handeln

An dieser Stelle hilft mir ein Modell aus der medizinischen Ausbildungsforschung. Der amerikanische Mediziner George Miller unterschied bereits 1990 vier Ebenen klinischer Kompetenz:

Knows: Ich weiß etwas.

Knows how: Ich weiß, wie etwas geht.

Shows how: Ich kann zeigen, dass ich es kann.

Does: Ich tue es tatsächlich im beruflichen Alltag.

Miller wollte damit nicht erklären, warum Menschen Coaching, Supervision oder Reflexionsangebote buchen oder nicht buchen, aber sein Modell macht eine Unterscheidung sichtbar, die ich für diesen Punkt wichtig finde:

Wissen und Handeln sind nicht dasselbe. Ich kann wissen, wie wichtig Grenzen sind - und sie trotzdem nicht setzen. Ich kann sehr genau erklären, wie ein gutes Konfliktgespräch funktioniert - und im entscheidenden Moment trotzdem ausweichen. Ich kann wissen, dass Überforderung in meinem Beruf weit verbreitet ist - und mich für meine eigene trotzdem schämen.

Die interessante Frage ist deshalb vielleicht gar nicht mehr: Wissen wir genug? Sondern: Was brauchen Menschen, damit aus Wissen professionelles Handeln wird – gerade dann, wenn Situationen schwierig, emotional oder uneindeutig werden? Und, das interessiert mich auch persönlich ganz besonders: Was gehört eigentlich zu professioneller tierärztlicher Kompetenz?

An dieser Stelle wird es für mich besonders spannend.Denn der Blick darauf, was Tierärztinnen und Tierärzte für ihren Beruf tatsächlich können müssen, verändert sich.

Das lässt sich besonders deutlich an internationalen Kompetenzmodellen beobachten.

Das Competency-Based Veterinary Education Framework (CBVE) der Association of American Veterinary Medical Colleges beschreibt professionelle tierärztliche Kompetenz nicht ausschließlich über klinisches Wissen und medizinisch-technische Fertigkeiten. Neben klinischem Denken und der Versorgung von Tieren gehören beispielsweise auch Kommunikation, Zusammenarbeit sowie Professionalität und professionelle Identität zu den Kompetenzdomänen.

In der aktuellen Fassung CBVE 2.0 findet sich innerhalb von „Professionalism and Professional Identity“ noch etwas, das für die gegenwärtige Diskussion besonders interessant ist: der professionelle Umgang mit dem Well-being von sich selbst und anderen.

Dazu gehören unter anderem das Erkennen beruflicher Belastung, der Umgang mit Stress, Selbstfürsorge und das Wahrnehmen der Grenzen dessen, was man allein bewältigen kann. Das bedeutet nicht, dass Well-being einfach eine weitere Fertigkeit wie eine Nahttechnik wäre. Und es bedeutet schon gar nich

Jetzt anmelden und weiterlesen!

Dieser Beitrag ist nur für Tierärzt:innen, TFA und Animal Health Experts geeignet.
Lege dir jetzt kostenlos ein VetStage Profil an, um den vollständigen Beitrag zu lesen.

Hinweis
VetStage ist nicht für den Inhalt verantwortlich. Bitte wende dich bei Rückfragen direkt an den Verfasser.

Eine interessante Seite. Teile sie jetzt mit deinem Netzwerk.

Stefanie Püttner Coaching & Beratung

Mentale und psychische Belastungen, gepaart mit hoher körperlicher Beanspruchung, führen in der Tiermedizin häufig zu chronischem Stress und gesundheitlichen Folgen. Fehlzeiten, Jobhopping, Berufswechsel, Langzeiterkrankungen oder auch Suizid betreffen nicht nur einzelne Mitarbeitende, sondern belasten ganze Teams und Praxen. 
Das hinzunehmen und immer wieder neues Personal zu ...