Fallbericht: Polymelie bei einem weiblichen Kalb
erstellt am 18. November 2025
Zusammenfassung
Ein weibliches Deutsch-Holstein-Kalb wurde nach termingerechter, komplikationsloser Geburt mit einer zusätzlichen, vollständig ausgebildeten Vordergliedmaße auf der dorsalen Mittellinie zwischen den Schulterblättern geboren. Das Tier zeigte ein ungestörtes Allgemeinbefinden und keine Anzeichen von Schmerzen oder Lahmheit. Neurologisch bestand keinerlei aktive oder reflektorische Bewegung der Zusatzgliedmaße, was auf eine fehlende nervale Anbindung schließen ließ. Radiologisch konnte eine autonome, vollständig entwickelte knöcherne Struktur ohne Verbindung zum Achsenskelett nachgewiesen werden. Genetische und virologische Untersuchungen ergaben keine Hinweise auf Chimärismus oder eine infektiöse Genese. Am 15. Lebenstag erfolgte unter Praxisbedingungen die chirurgische Amputation der funktionslosen Extremität. Der Eingriff sowie die Nachsorge verliefen komplikationslos; fünf Wochen postoperativ zeigte sich eine reizlose, vollständig verheilte Narbe und ein normal entwickeltes, vitales Kalb. Die Prognose wurde als günstig bewertet.
Einleitung
Kongenitale Fehlbildungen des Bewegungsapparates treten beim Rind vergleichsweise selten auf. Unter dem Begriff Polymelie wird das Vorhandensein einer oder mehrerer überzähliger Gliedmaßen verstanden. Je nach Lage und Ausprägung wird weiter zwischen thorakaler, pelviner, zervikaler und dorsaler Form unterschieden. Die dorsale Variante wird als Notomelie bezeichnet. Sie ist durch das Vorhandensein einer zusätzlichen Extremität entlang der Rückenlinie charakterisiert, die in der Regel keine funktionelle oder skelettale Verbindung zum Hauptskelett besitzt. Die Pathogenese ist bislang nicht abschließend geklärt; diskutiert werden embryonale Entwicklungsstörungen während der frühen Organogenese, unvollständige Zwillingsbildungen sowie teratogene oder virale Einflüsse (z. B. Schmallenberg- oder Bluetongue-Virus).
Der vorliegende Fall beschreibt eine isolierte Notomelie bei einem vitalen Deutsch-Holstein-Kalb, die durch frühzeitige chirurgische Entfernung erfolgreich korrigiert werden konnte. Ziel des Berichts ist es, Diagnostik, operatives Vorgehen und den postoperativen Verlauf darzustellen und die praktische Bedeutung der Fallbehandlung unter Feldbedingungen zu diskutieren.
Anamnese und klinischer Befund
Das weibliche Kalb wurde nach spontaner, ungestörter Geburt als Einling geboren. Die Trächtigkeit der Mutterkuh verlief unauffällig, ebenso bestanden in der Zuchtlinie keine bekannten Missbildungen. Unmittelbar post partum fiel eine zusätzliche, dorsal zwischen den Schulterblättern ansetzende Gliedmaße auf. Diese war vollständig ausgebildet und wies Schulterblatt, Ober- und Unterarm sowie distale Abschnitte, einschließlich Karpus und Zehen auf. Das zusätzliche Schulterblatt war nach dorsal orientiert, die Extremität hing schlaff herab. Das Kalb zeigte ein normales Trinkverhalten, eine regelrechte Vitalität und keine Schmerzreaktionen.
Die klinische Allgemeinuntersuchung ergab unauffällige kardiopulmonale und thermoregulatorische Parameter. Bei der neurologischen Untersuchung konnten weder willkürliche Bewegungen noch Reflexe an der Zusatzgliedmaße ausgelöst werden, was eine fehlende nervale Versorgung nahelegte. Weitere Fehlbildungen oder organische Auffälligkeiten wurden nicht festgestellt. Der berechnete Inzuchtkoeffizient über zehn Generationen lag mit 0,269 im unauffälligen Bereich.
Diagnostische Abklärung
Zur weiteren Beurteilung wurden Röntgenaufnahmen der betroffenen Region angefertigt. Diese zeigten eine vollständig entwickelte, eigenständige knöcherne Struktur der Zusatzgliedmaße, einschließlich eines separaten Schulterblatts, ohne knöcherne Verbindung zum Achsenskelett.
Eine genetische Untersuchung mittels STR-Analyse und Karyogramm ergab keine Hinweise auf Chimärismus oder chromosomale Aberrationen, sodass ein parasitärer Zwilling als Ursache ausgeschlossen werden konnte. Virologische Untersuchungen auf bekannte teratogene Erreger verliefen negativ; die nachgewiesenen Antikörper wurden als maternalen Ursprungs in
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Dr. Evamaria Schraub, Nüket Bilgen, Izabela SzczerbalTierärzte Weikersheim GmbH
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