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Leistungsdruck

Leistungsdruck im tiermedizinsichen Studium – Wenn Ehrgeiz krank macht

Im Laufe des Studiums begegnet man als angehender Tiermediziner ganz verschiedenen Bewertungsformen: Von Testaten, in denen man nur bestehen oder durchfallen kann bis hin zu einer Benotung in Zahlenform zum Beispiel in der Physikumsprüfung. Letztere ermöglicht, sich mit anderen Studenten zu vergleichen und seine eigene Leistung besser einzuschätzen. Das kann einerseits anspornen, andererseits aber auch den Leistungsdruck erhöhen.

 

Bin ich schlechter als der Durchschnitt?

Die Veröffentlichung von Punktzahlen, zum Beispiel aus Klausuren, führt unweigerlich dazu, dass man sich mit anderen Studierenden vergleicht. Die Augen wandern die anonyme Liste auf- und ab und plötzlich stellt man fest: Die meisten haben viel bessere Punktzahlen als ich erreicht. Frustration kommt auf – „Wieso bin ich schlechter als meine Mitstudenten, obwohl ich genau so viel gelernt habe?“. Man fühlt sich gekränkt, wenn man nach einer Prüfung, für die man hart und viel gearbeitet hat, mit einer unterdurchschnittlichen Bewertung nach Hause geht. Manchmal erlebt man auch eine angenehme Überraschung beim Blick auf die Liste: Man selbst gehört zu den zehn besten, hat vielleicht sogar die Höchstpunktzahl erreicht. Ein Hochgefühl kommt auf, man fühlt sich den anonymen Matrikelnummern überlegen.

 

Plötzlich im Mittelfeld

Die Aufnahmekriterien für das Studium der Tiermedizin bedingen, dass die Bewerber zuvor auf dem Gymnasium oder in der Ausbildung immer zu den Leistungsstärkeren gehörten. Es ist also kein Wunder, dass die Veti-Studenten aus „Gewohnheit“ eine ehrgeizige Grundhaltung mit in ihr Studium bringen. Ein gewisses Maß an Ehrgeiz ist gesund und im Tiermedizinstudium nötig, um durchzuhalten. Doch man muss schnell feststellen, dass man im Studium nicht mehr „der eine unter vielen“ sondern „einer unter vielen“ ist: Plötzlich ist man „nur“ noch Mittelfeld, das gilt es zu akzeptieren. Wer das nicht kann, wird über kurz oder lang einen enormen Leistungsdruck aufbauen, der irgendwann die Gesundheit beeinträchtigen wird.

 

Die Angst zu versagen

Versagen definiert jeder Student anders. Für die einen bedeutet es das Durchfallen durch eine Prüfung, für die anderen die Note 3 oder nicht die Höchstpunktzahl erreicht zu haben – nach alter Manier aus Schule und Ausbildung streben sie danach, eine gute oder sehr gute Leistung abzulegen. Die Erkenntnis, dass allein das Bestehen der Prüfung in Anbetracht der Anforderungen des Studiengangs schon einen Erfolg bedeutet, fehlt. Dieser Erwartungsdruck an sich selbst kann in starker Prüfungsangst resultieren, man gelangt regelrecht in einen Teufelskreis. Wenn die psychische Belastung zu krass wird, liegt der Griff zu leistungssteigernden Medikamenten oder Rauschmitteln nicht mehr fern: Ritalin, Koffeintabletten, Alkohol – noch härtere Drogen? Laut einer Studie griffen im Wintersemester 2010/2011 rund 18% der angehenden Tierärzte zu leistungssteigernden Medikamenten – damit waren sie die traurigen Gewinner…

 

Die Lösung: Punkt- und Notenbewertung abschaffen?

Jetzt kann man sich fragen, ob die Abschaffung von Punkt- und Notenbewertungen die Lösung dieses Problems sei. Schließlich ist die Klassifikation der Leistung als Zahl oder Punktwert die Quelle von übersteigertem Ehrgeiz, zu hohen Selbstansprüchen und eventuell folgender Prüfungsangst.
Auf der anderen Seite bieten Punkt- und Notenbewertungen die Möglichkeit zur – realistischen – Selbsteinschätzung… Wie man es also dreht und wendet, das System umzukrempeln wird so oder so keine leichte Aufgabe. Daher sollte man an diesem Punkt sich mehr auf die Dinge konzentrieren, die man recht „schnell“ umsetzen kann:

Verbessertes Zeitmanagement, Umgang mit Stress lernen, Fähigkeiten und die Selbsteinschätzung überdenken, Ziele klarer definieren. Denn nimmt die Selbsteinschätzung ein krankhaftes, unrealistisches Maß an und zwingt man sich selbst, Prüfung für Prüfung, zu Höchst- und Bestleistungen, muss man die Reißleine ziehen, bevor es zu spät ist.

Und zum aktuell noch vorherrschenden System sagen wir: Liebe Professoren. Ein wichtiger Auslöser von Prüfungsangst und Stress ist auch IHR Umgang mit Prüflingen. Zügeln Sie sich mit herablassenden Kommentaren, mit subjektiver Meinungsäußerung oder der Einstellung „Frauen gehören hinter den Herd“. Hierarchiedenken ist „out“! Augenhöhe ist „in“!

 

Über die Autorin:

Lisa Rogoll | privates Foto

Lisa Rogoll | Studentin der Tiermedizin

Mein großes Interesse an Tieren begleitet mich schon seit ich klein bin. Der Wunsch Tierärztin zu werden erst seit einigen Jahren.
In verschiedenen Praktika im Kleintier- und Großtierbereich erlebte ich das erste Mal ein Berufsbild, das ich mir für mein restliches Leben vorstellen konnte: mein Wunsch Tierärztin zu werden manifestierte sich. Nach meinem Abitur begann ich 2015 das Studium in Berlin und erlebe seither die alltäglichen Veti-Sorgen. Nach wie vor fasziniert mich die Vielseitigkeit des Studiums und des späteren Berufslebens, sodass ich mir keinen „Plan B“ vorstellen kann.

 

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