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Über (un)realistische Vorstellungen Vom Tiermedizin-Studium

Über (un)realistische Vorstellungen vom Tiermedizin-Studium

Tierärztin oder Tierarzt. Ein Beruf, den man im Kindesalter unter „Das möchte ich später werden“ in Freundschaftsbücher eingeschrieben hat. Trotzdem müssen viele Studierende, die sich für die Veterinärmedizin entscheiden, schnell feststellen, dass die Realität mit der Vorstellung vom Arzt im weißen Kittel und dem Hunde streicheln nicht besonders viel zu tun hat. Einige werden bereits in den ersten Wochen feststellen, dass das Studium doch nichts für sie ist: „Ich hatte mir das irgendwie anders vorgestellt“. Schade ist das für diejenigen, die teilweise jahrelang auf einen Studienplatz warten.

Im Jahr 2016 wurden 1072 Studienplätze vergeben, 4388 Interessierte hatten sich beworben.  Nur jede*r Vierte erhielt also die Chance, diesen Traum zu verwirklichen. Daher solltet ihr euch bereits vor der Studienplatz-Bewerbung gründlich darüber informieren, was im Studium erwartet wird.  Nur so könnt ihr realistisch einschätzen, ob ein Studium der Tiermedizin für euch wirklich in Frage kommt, damit ihr die Chance auch nutzen könnt, wenn sie euch gegeben wird.

 

Ein Praktikum in der Tierarztpraxis als „Job-Check“

Das beginnt damit, als Studieninteressierte*r auch einmal hinter die Kulissen der Tierarztpraxis zu schauen – der jährliche Besuch in der Tierarztpraxis mit Hund und Katze ist da nämlich kaum repräsentativ. Bei einem Praktikum könnt ihr austesten, ob ihr mit den spannenden Herausforderungen des Praxis-Alltages umgehen könnt.  Diese sind nicht immer nur medizinischer oder organisatorischer Natur – eurer Geruchssinn wird ebenfalls auf die Probe gestellt werden (Stichwort: Analdrüsen!) . Dann und wann werdet ihr widerspenstigen Patienten begegnen, die sich mit Kratzen und Beißen gegen eine Behandlung wehren. Außerdem solltet ihr Geduld mitbringen, denn besonders in der Kleintierpraxis gehört die „Behandlung“ der Patientenbesitzer*innen aka Beruhigen, Erklären, Trösten häufig mit dazu. In der Großtierpraxis kann das Klima im Agrarbetrieb im Gegenzug schon mal etwas rauer sein – hier steht für die Besitzer*innen zumeist der wirtschaftliche Nutzen der Tiere an erster Stelle.

Noch mehr praktische Erfahrung könnt ihr in der Ausbildung zum*r tiermedizinischen Fachangestellten sammeln. Das bietet sich besonders an, wenn ihr Wartesemester überbrücken wollt. Mit einer abgeschlossenen Ausbildung habt ihr zudem bessere Aussichten auf einen Studienplatz und könnt euch einige eurer Vorleistungen anrechnen lassen.

 

Und dann: Das Studium

Nein, ihr werdet nicht nur Katzen und Hunde behandeln, sondern auch Rinder und Schweine. Dabei sollte die Vorstellung, mit deren Exkrementen in Berührung zu kommen, möglichst keinen Brechreiz bei euch auslösen. Ja, tatsächlich wird auch ein Schlachthofpraktikum auf euch zu kommen – auch wenn das vielleicht nicht zu eurer Traumvorstellung vom Beruf Tierarzt*ärztin passt, führt daran kein Weg vorbei.

Zudem dauert das Studium in der Regel 11 Semester, also fünfeinhalb Jahre. Während eure Freunde also bereits an ihrer Bachelorarbeit schreiben und sich nach einem Masterstudienplatz oder dem ersten Job umschauen, feiert ihr Tiermediziner*innen gerade mal „Bergfest“. Klar, dass ihr hier echtes Durchhaltevermögen braucht.

Dazu kommt, dass der Schwerpunkt in den ersten zwei Jahre des Studiums auf den naturwissenschaftlichen Grundlagen liegt: Ihr müsst euch theoretisch und in Praktikumsversuchen mit Physik, Chemie, Biologie und Biochemie auseinander setzen. Die Vorstellung vom Arzt im weißen Kittel rückt immer weiter in die Ferne, man fühlt sich wieder  in die Schule zurückversetzt: „Wozu brauche ich das eigentlich?“.

Während dieser Zeit, die auch „Vorklinik“ genannt wird, kommt ihr trotzdem in Kontakt mit Tieren –jedoch eher selten mit lebendigen. Im Präparierkurs lernt ihr mithilfe von Tierleichen die Grundlagen der Anatomie kennen. Damit wird eine Brücke zur Praxis geschlagen. Spannend ist das allemal, aber eine unempfindliche Nase und starke Nerven sind Grundvoraussetzungen um den Kurs zu überstehen.

Wie packe ich das?

Keine Sorge, wenn ihr das entsprechende naturwissenschaftliche Interesse mitbringt, könnt ihr die ersten zwei Jahre des Studiums gut überstehen. Danach geht es im klinischen Abschnitt des Studiums ans Eingemachte und die Vorstellung vom Arzt im weißen Kittel wird – endlich! – wieder greifbar. Auch wenn ihr inzwischen gelernt habt, dass der Kittel in der Tierarztpraxis unmöglich weiß bleibt.

Was euch während des gesamten Studiums immer begleiten wird, sind jede Menge Prüfungen, die mit viel Lernaufwand und Selbstdisziplin verbunden sind. Im ersten Semester stand nach vier Wochen zwischen Umzug und Semestereröffnungspartys das erste Anatomietestat an. Es folgen in regelmäßigen Abständen weitere Testate, teilweise sogar jede Woche eins. Auch in den Semesterferien muss man sich Prüfungen und Praktika widmen.

Auf Dauer können der Druck und der Lernstress die Gesundheit belasten. Verschiedene Studien haben bereits gezeigt, dass viele Studierende der Humanmedizin unter Depressionen und Ängsten leiden – die Situation der angehenden Tiermediziner ist vergleichbar.  Mehr dazu kann man in diesem Artikel nachlesen. Für Studierende gilt hier, sich einen angemessen Ausgleich neben dem Studium oder im Ernstfall medizinische Hilfe zu suchen.

 

Und danach?

Wenn erst einmal alle Prüfungen und Praktika überstanden sind, habt ihr als Absolventen die verschiedensten Perspektiven: Praxis, Forschung, Lebensmittelkontrolle, Fleischhygiene, Tierschutz, Veterinäramt, Bundeswehr.  Da findet jeder eine Stelle, die das Potenzial hat dem Traumberuf, an den man beim Eintragen in Freundschaftsbücher dachte, gerecht zu werden.

VetStage hilft euch gern dabei, genau diese Stelle zu finden: Mit einem VetStage Profil  kannst du die Fühler ausstrecken, dich auf Stellen bewerben und wenn gewünscht unterstützen wir dich sogar persönlich dabei. Hier kannst du dein kostenfreies Profil anlegen. 🙂

Verlockend, doch der Weg dorthin ist alles andere als ein Spaziergang. Er kann bisweilen sehr anstrengend und nervenaufreibend sein. Dessen müsst ihr euch bewusst sein, wenn ihr euch für die Tiermedizin entscheidet.

Nichtsdestotrotz handelt es sich ganz klar um einen spannenden und vielseitigen Studiengang – der allerdings nicht unterschätzt und schon gar nicht unter verklärten Vorstellungen begonnen werden sollte. Um ein böses Erwachen zu vermeiden ist es unabdingbar, sich im Voraus darüber zu informieren, was das Studium der Tiermedizin eigentlich bedeutet. Nur wem wirklich bewusst ist, welche Hürden es im Studium zu überwinden gilt und wer zu 100% bereit ist, sich diesen Hürden zu stellen, wird durchhalten und seinen Traum vom Tierarztberuf verwirklichen können.

Lisa Rogoll

Nachdem mich das Berufsbild „Tierärztin“ in verschiedenen Praktika überzeugt und begeistert hatte, begann ich 2015 in Berlin das Studium der Tiermedizin. Besonders die Vielseitigkeit der Tiermedizin fasziniert mich noch heute, sodass ich mir keinen „Plan B“ vorstellen kann.

Neben den alltäglichen Sorgen des Studiums lebe ich meine kreative Energie bei VetStage aus. Hier betreue ich unseren Social Media Auftritt, schreibe Magazin-Beiträge und unterstütze unser Team auf Kongressen.

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