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Leistungsdruck

Wieso Studenten in der Tiermedizin die Vorlesung schwänzen

Ein völlig leergefegter Hörsaal, von knapp 180 Studierenden haben es gerade mal fünf in die Vorlesung geschafft. Eine frustrierte Dozentin leiert Stunde um Stunde ihre völlig überladenen Power-Point-Folien herunter. Wie respektlos unser Semester doch ist, dürfen wir uns anhören, in den Jahren zuvor sei ihr das noch nie passiert. Sie verspricht: Das wird Konsequenzen haben.

Eine Situation, wie ich sie im zweiten Semester erlebt habe. Die Konsequenzen? Natürlich, im nächsten Jahr soll es im Kurs Anwesenheitspflicht und vielleicht eine zusätzliche Zwischenprüfung geben, damit der Hörsaal voll ist. Doch ist Zwang tatsächlich der richtige Weg, um die Vorlesung zu füllen?

 

Eine „schlechte“ Vorlesung

Ein häufig genannter Grund für das Schwänzen von Vorlesungen ohne Anwesenheitspflicht ist, dass der Dozent seine Vorlesung schlecht hält: Monoton und langweilig werden Folien eins zu eins abgelesen. Für Studierende hat eine solche Vorlesung kaum Lerneffekt. Die selbstständige Erarbeitung des Stoffes scheint sinnvoller und effektiver, als seine Zeit im Hörsaal abzusitzen und währenddessen am Handy zu spielen oder mit dem Sitznachbarn zu plaudern.

Von einer guten Vorlesung wird also erwartet, dass sie interessant ist, zum Mitdenken anregt und den Studierenden viel Wissen vermittelt. Obwohl manche Dozierende sicherlich an ihren didaktischen Fähigkeiten arbeiten könnten, können diese Ziele nicht allein durch eine Person erreicht werden.

 

Studierende sollen aktiv mitarbeiten…

Die aktive Mitarbeit der Studierenden ist nötig, um die Vorlesung spannend zu machen: Rückfragen, Diskussionen, kritische Anmerkungen. Das erhöht verständlicher Weise auch den Lerneffekt für die Studenten, denn man merkt sich den Stoff am besten, wenn man mit anderen darüber spricht.

In der Theorie hört sich das ganz wunderbar an, die Realität sieht leider anders aus. Im Hörsaal mit knapp 180 anderen Leuten gestalten sich gehaltvolle Diskussionen schwierig und Zwischenfragen kommen eher selten, einfach aus Angst, die anderen aufzuhalten. Außerdem geht man in solch einer großen, anonymen Masse schnell unter und schaltet mental ab. Das Lernerlebnis ist daher in kleineren Veranstaltungen intensiver. Hier gibt es mehr Raum für Zwischenfragen und Diskussionen, die Gefahr, dass man sich gedanklich ausklinkt ist geringer.

 

… aber auch die Dozenten müssen sich bemühen

Die Lust, eine Vorlesung aktiv mitzugestalten, hält sich allerdings in Grenzen, wenn der Dozent gelangweilt und unmotiviert erscheint und seine Power-Point von 2005 ist. Dabei kann sich ein Dozent so leicht interessant machen: Ein paar persönliche Erfahrungen oder Bezüge zur Praxis – und schon horchen alle Studierenden auf. Bei Sätzen wie „Das wird Konsequenzen haben“ schalten sie allerdings eher auf Durchzug. Bevor Dozenten die Studenten zur Anwesenheit verpflichten, sollten sie auch überlegen, wieso ihre Vorlesung so schlecht besucht ist und ob es vielleicht noch andere Verbesserungsmethoden als puren Zwang gibt.

Möglicher Weise ist die Ursache auch, dass der Inhalt der Lehrveranstaltung nicht dem Wissensstand der Studierenden entspricht. So hat es zum Beispiel wenig Sinn, den Studenten – wohl bemüht um klinischen Bezug – vom Horner-Syndrom zu erzählen, solange die Grundlagen der sympathischen Innervation der Orbita noch nicht verstanden wurden. Für einen Dozenten mag das alles selbstverständlich sein, aber für einen Studenten, der gerade zum ersten Mal von Ganglion cervicale craniale gehört hat, leider nicht. Es wäre daher wünschenswert, dass Dozenten in ihren Vorlesungen grundlegende Schwerpunkte setzen, diese verständlich erläutern und regelmäßig wiederholen – das erhöht den Lerneffekt der Vorlesung und wird garantiert Studenten motivieren, die Vorlesung zu besuchen.

 

Moderne Lernmethoden und mehr Eigenverantwortung

Ein weiterer Grund, wieso Vorlesungen unbesucht bleiben, ist die Weiterentwicklung von Lehr- und Lernmethoden. Heutzutage gibt es online eine Vielzahl an Angeboten, vom virtuellen Präparieren über digitale Lernkarten bis hin zu ausführlichen Lehrvideos. Solche Angebote werden von Studenten gerne genutzt: Sie sind überall und jederzeit verfügbar und können wiederholt angeschaut werden. Rückfragen werden meist auch online diskutiert, zum Beispiel in Facebook-Gruppen oder anderen Foren. Zum Teil kommt diese Erkenntnis nun auch an den Universitäten an und wird entsprechend umgesetzt: Es gibt Online-Learning-Module oder digitale Vorlesungen.

Natürlich müssen sich die Studenten dann eigenverantwortlich mit den Online-Inhalten auseinander setzten. Das mag für den ein oder anderen natürlich zunächst befremdlich sein – aber ein Studium ist nun mal nicht die zehnte Klasse. Die Aufgabe der Dozenten ist es nicht, uns den Stoff vorzukauen und in kleinen Häppchen zu servieren. Diese Eigenverantwortlichkeit ist eine der wichtigsten Kompetenzen, die im Studium erworben werden muss.

 

Gespräche zwischen beiden Fronten

Wenn also eine Vorlesung so furchtbar schiefläuft, wie ich es im zweiten Semester erlebt habe, ist doch vielmehr eine Rücksprache zwischen Dozierenden und Studierenden sinnvoll. Gemeinsam kann überlegt werden, wo Verbesserungsbedarf herrscht und was sich beide Seiten von der Veranstaltung wünschen.

 

Über die Autorin:

Lisa Rogoll | privates Foto

Lisa Rogoll | Studentin der Tiermedizin

Mein großes Interesse an Tieren begleitet mich schon seit ich klein bin. Der Wunsch Tierärztin zu werden erst seit einigen Jahren.
In verschiedenen Praktika im Kleintier- und Großtierbereich erlebte ich das erste Mal ein Berufsbild, das ich mir für mein restliches Leben vorstellen konnte: mein Wunsch Tierärztin zu werden manifestierte sich. Nach meinem Abitur begann ich 2015 das Studium in Berlin und erlebe seither die alltäglichen Veti-Sorgen. Nach wie vor fasziniert mich die Vielseitigkeit des Studiums und des späteren Berufslebens, sodass ich mir keinen „Plan B“ vorstellen kann.

 

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