Tierärztlicher Notdienst unter Druck

erstellt am 28. Oktober 2021

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Fachbeitrag

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Diskussion zu Lösungsstrategien beim bpt-Kongress

"In NRW hat die Landesregierung gegenüber den Tierärztekammern „unmissverständlich“ deutlich gemacht: „Eine Versorgung kranker Tiere im Notdienst gehört zu den ethisch moralischen Pflichten praktizierender Tierärzte.“ Sollte es den Kammern nicht gelingen diese durchzusetzen, werde man den Notdienst für alle praktizierenden Tierärzte/inen verpflichtend vorschreiben.

Das Kernproblem ist: Wie lässt sich ein flächendeckender Notdienst im Spannungsfeld zwischen Ökonomie, starrem Arbeitszeitkorsett, Personalmangel und geänderten Work-Live-Balance-Erwartungen sicherstellen? Dabei steckt die Tiermedizin auch in einem Spannungsfeld politischer und soziodemographischer Entwicklungen, auf die sie selbst eher wenig Einfluss hat.

 

Notdienst-GOT: Mehr Geld gleich mehr Notdienst?

Die ökonomische Herausforderung sieht die Politik mit den seit Februar 2020 geltenden, höheren Notdienstgebühren als weitestgehend gelöst an. Medienberichte über Preisexplosionen beim Tierarztbesuch, verunsichern aber Praxen und Kunden.

Die Gesellschaft für Pferdemedizin (GPM) hat ihre Mitglieder dazu befragt (bpt-info 2/2021): 30 Prozent der Praxen hatten die GOT-Preiserhöhung im Notdienst zum Jahresbeginn 2021 noch nicht umgesetzt – aus Sorge Kunden zu verlieren. Von denen, die teurer geworden sind, mussten sich aber nur 18 Prozent mit mehr Beschwerden auseinandersetzen.

Auch die erhoffte Steuerungswirkung scheint es zu geben: Die Notfälle am Abend, nachts und an Wochenenden gingen zurück. Dafür meldeten sich die Tierhalter mit Notfällen früher am Tag. Und auch die sogenannten „Pseudonotfälle“ wurden bei der Hälfte der GPM-Umfrage-Teilnehmer weniger. Gleichzeitig stieg allerdings das Notfallaufkommen bei den Pferdeklinken weiter.

 

Hauptproblem: Personalmangel

Genau dort – bei den Kliniken – zeigt sich aber das wohl zentrale Problem: Sie leiden massiv unter Personalmangel. Der ist zum einen bedingt durch die gesamtgesellschaftliche demographische Entwicklung. Diese wird sich noch verschärfen, je mehr „Baby-Boomer“ in Rente gehen. Zusätzlich sind immer weniger Tierärztinnen und Tierärzte bereit, nachts und an Wochenenden zu arbeiten. Sie haben – ob angestellt oder selbständig – zunehmend eine andere Work-Life-Balance-Erwartung.

Dazu kommt: In Tierarztpraxen und Tierkliniken gilt – anders als in der Humanmedizin – für Angestellte uneingeschränkt das starre deutsche Arbeitszeitgesetz. Es sieht eine Höchstarbeitszeit von 10 Stunden pro Tag bei maximal 48 Stunden pro Woche vor. Zwischen zwei Einsätzen ist eine verpflichtende Ruhezeit von mindestens 11 Stunden vorgeschrieben. 

Auch deshalb ist wohl die Zahl der Kleintierkliniken – der Klinikstatus verpflichtet nach Kammerrecht zu einem 24/7 Versorgungsangebot – laut Deutscher Tierärztestatistik binnen fünf Jahren von 154 auf 105 im Jahr 2020 zusammengeschrumpft, Tendenz weiter fallend.

 

Aus der Not geboren: Neue und alte Notdienstmodelle

Was die Tierärzteschaft selbst beeinflussen kann, sind die Organisationsstrukturen im Notdienst. Hier dürfte sich – siehe NRW – der politische Druck auf die Kammern weiter erhöhen, eine berufsrechtliche Notdienstverpflichtung konsequent durchzusetzen.

Das erfolgversprechendste Modell bleibt der klassische regionale Notdienstring. Nur wenn sich Dienste möglichst breit verteilen, kann man Work-Life-Balance und Arbeitszeitgesetz gerecht werden. Dabei kehrt sich die Aufteilung inzwischen mancherorts wieder um: Ehemalige Tierkliniken bieten als „Tierärztliche Zentren“ eine Versorgungsabdeckung bis 22 oder 23 Uhr; niedergelassene Praktiker übernehmen dann die verbleibenden Nachtstunden. Abseits der Ballungsräume werden die Wege für Tierhalter im Notdienst aber trotzdem immer länger.

Damit Tierhalter dann die diensthabende Notfallpraxis schneller finden, hat zum Beispiel Thüringen einen zentralen Tierarztnotruf aufgebaut. Der vermittelt die nächstgelegene Notdienstpraxis – unabhängig von den Kreisgrenzen klassischer Notdienstringe. Andere Bundesländer überlegen ähnliches.

Ob die Telemedizin die von den Anbietern versprochene, entlastende Steuerungswirkung bei Bagatellfällen haben kann, muss sich noch zeigen. Eine Beratung per Videochat hilft den Tierbesitzern aber womöglich zu entscheiden: Ist das wirklich ein Notfall? Muss ich in die Praxis? Allerdings ändert sich danmit nichts daran, dass es für „echte“ Notfälle dann immer noch ein möglichst flächendeckendes Behandlungsangebot geben muss.

 

Zukunftsmodell Nachtklinik?

Mit der sinkenden Notdienstbereitschaft ist Deutschland nicht alleine. In der Hochphase der Corona-Pandemie haben die Marktforscher von CM-Research die Tierarztbranche weltweit untersucht. Ein Ergebnis: In Nordamerika bieten 52 Prozent der Umfrageteilnehmer schon jetzt keinen Notdienst mehr an. Ähnlich hoch (48 %) ist die Zahl in Australien und Ozeanien. In Westeuropa dagegen leisten laut Umfragedaten immerhin noch 76 Prozent Notdienst. Ein Wert der für Deutschland aber wahrscheinlich zu hoch ist. Denn in einer älteren Erhebung aus Hessen (2017) gaben 60 Prozent der Praxen an, sich nicht am Notdienst zu beteiligen.

Die angelsächsischen Länder sind bei sozioo?konomischen Entwicklungen allerdings oft Vorreiter. Dort haben sich reine Notfallkliniken und ‚Out-of Hours Clinics‘ etabliert. In Großbritannien zum Beispiel die Kette Vets-Now, die zum Verbund IVC-Evidensia gehört. In Deutschland gibt es solche Notfallpraxen, die nur nachts und an Wochenenden / Feiertagen besetzt sind, (noch) nicht. Ein Grund dafür könnte das Arbeitszeitgesetz sein: Denn dieser Ansatz ist vermutlich nur dann attraktiv, wenn man mit langen, gut bezahlten Nachtdiensten an wenigen Arbeitstagen das komplette Wochenarbeitspensum abarbeiten darf und so freie Zeit gewinnt.

Fakt ist: Die Notdienstversorgung lässt sich nicht über eine Stellschraube allein sicherstellen. Finanzierung, Organisationsstrukturen oder Telemedizinangebote bilden den Rahmen. Die zentrale Herausforderung sind der Personalmangel (Tierärzte/innen und TFA), die starren Arbeitszeitvorschriften und auch die Notdienstbereitschaft der Tierärzte selbst."

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Autor:innen

Bundesverband Praktizierender Tierärzte e.V.
veröffentlicht online (27.10.21)
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