Hallo Nutztierpraxis - von Romantik, Realität & Resilienz!

erstellt am 19. Januar 2022

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Fachbeitrag
Ein Beitrag von  Dr. med. vet. Leona Kringe ,  VetStage TeamScout auf VetStage
Hinweis: Die Rechte für diesen Inhalt liegen bei VetStage oder wurden uns zur Verfügung gestellt. Bildquelle: Shutterstock.com

Neues aus der VetStage Akademie!

Für viele ist es der romantische Traum: mit Herzblut Tiere retten, wie einst James Herriot. Aufopfernd, mit Leidenschaft dabei, mit dem Auto durch schöne Landschaften fahren, natürlich am liebsten hin zu Almen, mit satten Wiesen & Bergen im Hintergrund, Musik von Kuhgebimmel in den Ohren.

Das ist die Nutztierpraxis: sie kann romantisiert werden - doch ist sie vor allem eines: ein herausfordernder, kräftezehrender und oftmals anstrengender, gefährlicher Job. Und dennoch ist sie vielfältig, bereichernd und eben auch lohnenswert.

Doch wenn wir in dieser praktischen Tätigkeit länger als einige Jahre bestehen wollen, benötigen wir vor allem eines: Resilienz, jedoch auch neue Arbeitsmodelle und ein Umdenken unserer bisherigen Strukturen im Praxisalltag. In diesem Fachbeitrag, der als Resultat unseres Impulswebinar entstanden ist, sprechen wir mit unserem Gast der Tierärztlichen Praxis Dr. Czipri mit Dr. Ralf Czipri über die Herausforderungen und die Potentiale der Nutztierpraxis, deren Wandel in den kommenden Jahren sowie über Chancen, auch über Jahre hinweg in diesem Berufsfeld resilient, zufrieden & am Ende des Tages vor allem eines: gesund zu bleiben.

Wie alles begann

Dr. Ralf Czipri, seit nun über 20 Jahren in eigener Praxis selbstständig, hat schon früh im Studium seine Liebe zu den Rindern und der Nutztierpraxis entdeckt und ist, nach einer kurzen Phase der Zeit als Angestellter, in seiner eigenen Praxis selbstständig geworden - bis heute. Dass dies eine Herausforderung werden wird, war ihm natürlich schon vorher klar, und dennoch weiß er: die eigene Resilienz und eine nachhaltige Freude am Beruf sind das A und O und nicht nur für sich selbst als Arbeitgebenden unabdingbar, sondern auch für das gesamte Team. Das Handwerk der Nutztierpraxis, so Dr. Czipri, begeistere ihn auch heute noch:

 

"...wenn man entspannt in einer Herde stehen und die Tiere beobachten kann - da ist die Liebe zum Rind entstanden". 

 

Herausforderungen der Nutztierpraxis: damals & heute

Letztlich haben sich die Herausforderungen und die harte Realität im Berufsalltag auch über die Jahre nicht verändert, die Belastung ist gleich hoch geblieben, die Eingriffe dieselben, die Fälle ebenso. Dennoch ist seit einigen Jahren ein Wandel spürbar, der nicht nur Arbeitnehmer:innen betrifft, sondern auch die Arbeitgebenden in ihren Fragestellungen nach Resilienz und dem perfekten Match zwischen "Work" & "Life" immer mehr beschäftigt. Die Nutztierpraxis soll nicht länger dem Klischee des Systems "Einzelkämpfer" und "rund um die Uhr" folgen und Dr. Czipri zeigt, dass dies möglich ist. Wie? Indem er es seinem Team nicht nur vorlebt, sondern eine Vereinbarkeit vom Beruf Nutztierpraxis und einem Leben mit Freizeit und hoher Lebensqualität ebenso ermöglicht.

Herausfinden, was man braucht & "die Kuh raus aus dem Kopf kriegen"

Bei aller Verantwortung, die wir im Berufsalltag mit den Nutztieren tragen, stehen wir zu Feierabend doch auch immer in unserer eigenen Verantwortung, mit dem Tag abschließen und abschalten zu können, um uns bestmöglich zu regenerieren und uns auftanken zu lassen. Dr. Czipri sorgt hier entsprechend für seine Mitarbeitenden, weist schon seine Berufseinsteiger:innen im Team daraufhin, sich ein Leben neben dem Beruf aufzubauen, eine Art "Netz", das einen auch dann auffängt, wenn die Belastungen des Berufs in Gefahr laufen, zu groß zu werden. Es braucht auch ein Leben ohne die Rinder, "ohne Muh", wie Dr. Czipri sagt und ist sich hier seiner Stellung als Vorbild gegenüber seinem Team stark bewusst. 

2 Schritte zurück & einen nach vorn

Schon in der Einarbeitung seiner "Schützlinge" in der Nutztierpraxis achtet Dr. Czipri darauf, seine Kolleg:innen dort abzuholen, wo sie gerade stehen. Ihm zufolge mangelt es niemanden an fachlichem Wissen - vielmehr oft an Mut, dieses auch in die Tat und somit wertvolle Erfahrungen und das tierärztliche Handwerk umzusetzen. Er wünsche sich oftmals ein stärkeres Selbstbewusstsein seitens der Kolleg:innen, dass sie schneller den Mut fassen, die Fälle anzugehen und in ihre Fähigkeiten zu vertrauen. Und so gibt er sich Mühe, die Einarbeitung zwischen dem schmalen Grad der Überforderung und der Komfortzone seiner Mitarbeitenden zu gestalten und sie genau dahin zu bringen, wo sie hinsollen: nämlich ran ans Rind, um eigenständig als Tierärzt:in praktizieren zu können.

 

"Die wenigsten Fälle sind hyperkompliziert - es braucht nur gewisse Schemata, Vorgehensweisen, und dann eben Erfahrung, um diese lösen zu können" und dies "ist für jede:n wirklich machbar". 

 

Dr. Czipris Mitarbeitende durchlaufen somit eine solide Einarbeitungsphase, in der sie nach und nach eigenständiger werden können und bei schwereren Fällen (bspw. Geburtshilfen) immer eine*n Kolleg:in im Back-up wissen dürfen. Dr. Czipri glaubt daran, dass sich durch dieses Vorgehen jeder entwickeln und nach und nach immer mehr behaupten kann. 

Generationen im Wandel

Dass die Generationen im Wandel sind, nimmt auch Dr. Czipri in der Nutztierpraxis wahr. Nicht nur die eigene, sondern auch die externe Anspruchshaltung steigt, täglich. Zusätzlich nimmt das Gefühl der Unsicherheit zu, dass viele seiner Kolleg:innen gerade in der Anfangszeit zu lähmen scheint. Dass heute eine*r seiner Kolleg:innen zu Beginn ins kalte Wasser geschmissen werden, um bspw. ohne praktische Erfahrung eine OP alleine zu stemmen, kann er sich heute nicht mehr vorstellen. Und das ist gut so. "Früher war es nicht besser, aber normal": und somit war "Normal" auch eben oft der Rand der Überforderung. Und dies, will Dr. Czipri ändern. Nicht nur für sich, sondern auch sein gesamtes Team.

Hoffnung für die Nutztierpraxis

Nach diesem Einblick in den Alltag von Dr. Czipri, bleibt Hoffnung für die Nutztierpraxis. Dafür, dass sie es lohnen mag, dass sie nicht mehr nur noch den alten Klischees entsprechen, man sich einem alten System unterwerfen muss. Es bleibt Hoffnung dafür, das es Wege gibt, auch in einem herausfordernden und teils belastendem Berufsalltag wie diesem, langfristig & nachhaltig zufrieden, resilient und vor allem: mit Freude am Beruf zu bleiben.

 

Wir danken unserem Gast der Tierärztlichen Praxis Dr. Czipri mit Dr. Ralf Czipri herzlich für dieses tolle Webinar, seine Inspirationen und das Teilen seiner wertvollen Erfahrungen mit uns & unseren Kolleg:innen und wünschen Ihm sowie seinem Team alles Gute für die Zukunft!

 

Webinar verpasst? Kein Problem! Du findest die Aufzeichnung dieses spannenden Live-Webinares jederzeit abrufbar via Deinem VetStage Profil unter dem Reiter der "Akademie"!

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Autor:innen

Dr. med. vet. Leona Kringe

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