Multimodales Schmerzmanagement bei der Katze

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Fachbeitrag

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Im Prinzip gelten für die schmerzhafte Katze die gleichen Behandlungsansätze wie für Hunde. ?Zunächst ist eine ausführliche Anamnese zu erheben und insbesondere veränderte Gewohnheiten sind zu erfragen. Seit wann springt die Katze nicht mehr auf den Kratzbaum oder auf das liebste Fensterbrett?? Während der Anamneseerhebung kann man der Katze erlauben, sich frei im Untersuchungsraum zu bewegen - das beruhigt die Katze und ermöglicht uns, das Tier zu beobachten.

Nach einer allgemeinen Untersuchung ist eine orthopädisch-neurologische durchzuführen. Röntgenbilder dürfen zur Darstellung der schmerzenden knöchernen Strukturen nicht fehlen. Der Einsatz von erweiternden bildgebenden Verfahren, wie der Computertomographie, Kernspintomographie oder auch der orthopädischen Ultraschalluntersuchung, können bei der Diagnosefindung in kniffligen Fällen helfen.? Insbesondere bei älteren Tieren empfiehlt sich zudem eine Untersuchung der Nierenparameter, um einen sicheren Einsatz von nicht steroidalen Entzündungshemmern zu ermöglichen. Denn ohne eine genaue Diagnose ist eine spezifische Therapie zu vergleichen mit einem Maßanzug für eine fremde Person – die kann passen, muss aber nicht!


Therapeutisch stehen uns drei große Bausteine zur Verfügung, um dem Schmerz zu begegnen: Chirurgie, medikamentelle Therapie und Physiotherapie.

Chirurgie: Eine chirurgische Lösung ist bei traumatischen Erkrankungen (Polytrauma des Kniegelenkes, Frakturen etc.) erstes Mittel der Wahl, aber auch sekundäre arthrotische Veränderungen sind ursächlich zu therapieren (Hüftgelenksdysplasie, Kreuzbandriss).Dabei liegt aus schmerztherapeutischer Sicht ein besonderes Gewicht auf einer perioperativen multimodalen Schmerzausschaltung durch die Gabe von intravenösen Opioiden und NMDA-Rezeptor-Antagonisten (Ketamin). Ein besonderer "Joker" ist der Einsatz von Lokalanästhetika.


Medikamentelle Therapie:Das multimodale Schmerzmanagement beginnt mit der Vorstellung der Katze! Bei starken Schmerzen durch Frakturen oder auch bei einer ischämischen Läsion bei den „Kippfensterkatzen“ ist unverzüglich eine adäquate Analgesie zu verabreichen. Das nimmt der Katze viel Stress und erleichtert uns das Handling. Hierzu sind insbesondere kurzwirksame Opioide, wie Fentanyl, geeignet. Eine Dauertropfinfusion mit Ketamin und Fentanyl kann auch präoperativ sehr gut eingesetzt werden! Bei akuten, leichten bis mittleren Schmerzen sind bei gutem Allgemeinbefinden und Nierenwerten NSAIDs indiziert.Chronische Schmerzen durch einen unwiderruflich gestörten Bewegungsapparat, können neben NSAIDs mit Präparaten behandelt werden, die auf Rückenmarksebene ihre Wirkung entfalten (Gabapentin, Amantadin etc). Multimodales Schmerzmanagement umfasst unter dem nutritiven Aspekt die Gabe von ungesättigen Fettsäuren, Gylkosamingylkanen und weiteren Chondroprotektiva.

Physiotherapie:In der Tiermedizin findet die Physiotherapie vor allem bei Hunden und Pferden ihre Anwendung. Doch Physiotherapie bei der Katze? Da in den Köpfen der KundInnen oft Physiotherapie mit der Arbeit im Unterwasserlaufband gleichgesetzt wird, sprengt es jegliche Vorstellungskraft dieses mit Katzen zu tun. Dabei kann die Physiotherapie deutlich viel mehr als aktive Krankengymnastik auf dem Unterwasserlaufband!

Manuelle Therapie: Darunter werden Massagen verstanden, die Übergange zur Gelenkmobilisation und passiver Krankengymnastik sind dabei fließend. Zu Beginn wird mit Effleuragen (Streichungen) das Gewebe begrüßt, durch die gezielte Bewegung wird die Durchblutung gesteigert und superfizielle fasziale Verklebungen gelockert. Hierbei stellt sich meistens eine Vertrauenbasis zwischen Tier und Therapeut ein. Mit der Petrissage werden tiefere Schichten behandelt, durch das wohl dosierte Kneten werden die Effekte der Effleuragen verstärkt. Lange Muskelstränge können auch durch die Walkungen gelockert und mobilisiert werden.? Durch die Vibration wird das Gewebe „ausgeschüttelt“ – diese Technik kann insbesondere in Kombination mit passiver Gelenkbewegung und Stretching der Muskulatur zur Lockerung eingesetzt werden. Hochfrequente Reibungen an der Endsehne vermindern den Muskeltonus und Klopfungen (Tapotment) erhöhen den Muskeltonus, jedoch sollten beim felinen Patienten diese Techniken mit viel Fingerspitzengefühl und wohl dosiert eingesetzt werden.

Joint Mobilisation: Es werden prinzipiell alle Gelenke auf ihren physiologischen Bewegungsradius untersucht. Je nachdem wie schmerzhaft und wie das Muster der Einschränkung (Pattern of Restriction) ist, wird der Grad der Gelenkmobilisation gewählt. Bei Einschränkungen durch Verkürzung des Weichteilmantels können zum Beispiel kurz vor dem Stopp passive Bewegungen in kleineren und größeren Amplituden benutzt werden.

Weitere Techniken umfassen die Kompression und Traktion der Gelenke. Damit wird der synoviale Fluss gefördert, der Knorpel - wie ein Schwamm - ausgedrückt und somit dessen Versorgung angeregt. Darüber hinaus wird die Kapsel gedehnt oder entspannt. Alle diese Maßnahmen führen zu einer besseren Versorgung, Schmerzlinderung und Erweiterung des Bewegungsradius.

Physikalische Therapie: Durch den Einsatz von Strom im niederfrequenten Bereich kann eine transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) zur Schmerztherapie nach dem Gate Control Prinzip oder im mittelfrequenten Bereich der Interferenzstrom zur Regulation des Muskeltonus eingesetzt werden. Mit dem therapeutischen Ultraschall steht uns zudem eine stark stimulierende Technik zur Verfügung, die insbesondere dazu in der Lage ist, chronische Veränderungen von Knochen, Muskeln und Sehnen zu aktivieren.

Lasertherapie: Es gibt verschiedene Laserklassen und Wellenlängen. Durch das Einbringen von physikalischer Energie (Photonen) können verschiedene Photoakzeptoren im Gewebe stimuliert werden. Niedrig dosiert (J/cm2) überwiegt die schmerzlindernde, stimulierende Wirkung. Im Bereich der Knorpelregeneration zeigen Studien erstaunlich gute Ergebnisse durch den Einsatz der Low Level Lasertherapie (LLLT).

Kälte- und Wärmetherapie: Durch den Einsatz von Kälte können akute Schmerzen gelindert werden, dabei wird sogar die Nervenleitgeschwindigkeit vermindert, durch die Vasokonstriktion wird den Entzündungsreaktionen entgegen gewirkt. Wärme eignet sich vor allem zur Behandlung von chronischen Schmerzen.

Krankengymnastik: Durch gezielte Bewegungsübungen können Muskelgruppen angesprochen und trainiert werden. Bei der Katze ist ein hohes Maß an Beobachtung und Geschick notwendig, um sie zu motivieren, auch mehrmals mitzuarbeiten. Weitere Möglichkeiten der Schmerztherapie bieten die Akupunktur, die Magnetfeldtherapie und eine Gewichtreduktion der Patienten.


Katzen Specials

Bei der Katze empfiehlt es sich, das Tier auf dem Tisch zu behandeln und das Tier möglichst wenig festzuhalten. Die Konsequenz ist somit, dass man die Katze in der von ihr gewünschten Haltung behandelt und sich ihr mit viel Ruhe und Geduld widmet. Das kann dazu führen, dass man etwas „heimlich“ an dem Patienten arbeitet und sich in vielen kleinen Schritten dem Behandlungserfolg nähert.


Take Home Message

Die Physiotherapie bietet ein Potpourri an Behandlungsmöglichkeiten und Techniken, die bei Katzen durchaus ihre Anwendung finden können. Eine vollständige Wiederherstellung des schmerzfreien Bewegungsradius kann so erreicht werden. Bei der Therapie chronischer Schmerzpatienten kann die Physiotherapie als eine tragende Säule eingesetzt werden.

Im Prinzip gelten für die schmerzhafte Katze die gleichen Behandlungsansätze wie für Hunde. ?Zunächst ist eine ausführliche Anamnese zu erheben und insbesondere veränderte Gewohnheiten sind zu erfragen. Seit wann springt die Katze nicht mehr auf den Kratzbaum oder auf das liebste Fensterbrett?? Während der Anamneseerhebung kann man der Katze erlauben, sich frei im Untersuchungsraum zu bewegen - das beruhigt die Katze und ermöglicht uns, das Tier zu beobachten.

Nach ei

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Veröffentlicht von

Natalia Gawda (Tierärztin) & Carina Wirtz (Physiotherapeutin für Kleintiere), Tierärztliche Klinik Ahlen.

Natalia Gawda hat Tiermedizin an der Tierärztlichen Hochschule Hannover studiert. Erste klinische Erfahrungen hat die Fachtierärztin für Kleintiere in der Tierklinik Ahlen gesammelt, wo sie auch ihre physiotherapeutische Ausbildung erhielt und die Zusatzbezeichnung Physiotherapie und Rehabilitation beim Kleintier ablegte. Nach einer zweijährigen berufsbegleitenden Chirurgiefortbildung an der European School of Veterinary Postgraduate Studies in Frankfurt führt die Tierärztin Small Animal Surgery (GPCert SAS). Die Oberärztin der Chirurgie hat nach klinischer Tätigkeit in verschiedenen deutschen Kliniken 2021 ihren Weg zurück in die Tierklinik Ahlen gefunden.
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