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Arbeitszeitmodelle in der tierärztlichen Praxis – eine Übersicht

Arbeitszeitmodelle In Der Tierärztlichen Praxis – Eine Übersicht

Über die hohe Arbeitsbelastung von Tierärzten und die damit verbundene schwere Vereinbarkeit von Familie und Job, haben wir bereits in den letzten Wochen in unserem Blog diskutiert. Es wurden zahlreiche Lösungsansätze vorgestellt, um Tierärzten (mit kleinen Kindern) eine bessere Work-Life-Balance zu ermöglichen. Dazu zählt u.a. die Erarbeitung neuer Arbeitszeitmodelle und die Ausgestaltung von flexiblen Arbeitszeiten im Bereich der tierärztlichen Praxis.

Innovative Praxis- und Klinikinhaber haben sich bereits an die geänderten Forderungen der Mitarbeiter angepasst und werben in Stellenanzeigen mit einem geregelten und flexiblen Arbeitszeitmodell. Eine moderne Arbeitszeitgestaltung berücksichtigt nämlich zunehmend auch die Interessen der angestellten Tierärztinnen und -ärzte, was zu einer Steigerung deren Zufriedenheit und Motivation führt.

Es gibt verschiedene Arbeitszeitmodelle, die die zu leistende Arbeitszeit von Mitarbeitern regeln und sich in unterschiedlichem Maße durch ihre Flexibilität und Familienfreundlichkeit auszeichnen. Welches Modell sich am besten eignet, hängt natürlich immer vom Typ und der Größe der tierärztlichen Praxis/Klinik, den Kollegen und nicht zuletzt der eigenen Einstellung ab.

 

ARBEITSZEITMODELLE IM VERGLEICH

  1. Vertrauensarbeitszeit (variabel)

Die wöchentliche Arbeitszeit wird im Vertrag schriftlich vereinbart, wobei es keine feste Kernzeit gibt, in der man in der Praxis/Klinik anwesend sein muss (in der Wirklichkeit sieht dies jedoch meist anders aus). Der Arbeitnehmer bestimmt also selbst über Arbeitsbeginn, -ende und Pausen. Der Arbeitgeber vertraut seinem Mitarbeiter, dass er die vereinbarte Stundenanzahl arbeitet.

 

  1. Kapazitätsorientierte Arbeitszeit (variabel)

Der Arbeitnehmer arbeitet auf Abruf und nur dann, wenn Arbeit anfällt, d.h. der Arbeitgeber gibt die Arbeitszeit variabel je nach Arbeitsanfall vor. Dieses Arbeitszeitmodell fordert ein hohes Maß an Flexibilität und ist mit keinem festen Einkommen verbunden, da sich die Bezahlung an der geleisteten Arbeit orientiert.

Variante: Jahresarbeitszeit-Modell

Hier wird zu Beginn eine Arbeitszeit festgelegt, die im Laufe des Jahres – flexibel nach Bedarf bzw. Kapazitäten – abgeleistet werden muss. Der angestellte Tierarzt erhält jedoch ein monatlich gleichbleibendes Gehalt.

 

  1. Gleitende Arbeitszeit (Gleitzeit)

In diesem Modell wird meist eine verbindliche Kernzeit festgelegt, in der man in der Praxis/Klinik anwesend sein muss. Die ergänzende (Teil-)Zeit davor und danach (also Beginn und Ende der täglichen Arbeitszeit) kann vom Arbeitnehmer frei eingeteilt werden.

Gleitzeit erfordert Absprachen innerhalb des Teams, v.a. bei festen Sprech- und Öffnungszeiten. Der Vorteil dieses Modells liegt in einer größeren zeitlichen Flexibilität des Arbeitnehmers für private Termine. Außerdem kann das Arbeitsvolumen an den aktuellen Arbeitsbedarf angepasst werden.

 

  1. Schichtarbeit

In größeren tierärztlichen Praxen und Kliniken besteht durch Schichtarbeit eine weitere Möglichkeit, die Arbeitszeit flexibel zu gestalten. Dabei unterscheidet man das 2-Schicht-Modell (Früh/Spät) und das 3-Schicht-Modell (Früh/Mittags/Spät).

Die Dienstpläne sollten möglichst frühzeitig in Zusammenarbeit mit allen Mitarbeitern erstellt werden und überschaubar sein. Wichtig bei Schichtarbeit ist außerdem, dass die Wochenarbeitszeiten nicht zu stark voneinander abweichen, mehrere aufeinander folgende Nachtdienste vermieden werden und auf eine Phase mit Nachtarbeit eine möglichst lange arbeitsfreie Zeit folgt.

 

  1. Teilzeit

Teilzeitarbeit ist eine flexibel gestaltbare Verkürzung der Arbeitszeit auf eine bestimmte wöchentliche Mindeststundenzahl, wobei die individuelle Ausgestaltung mit dem Arbeitgeber abgesprochen wird. Hierbei besteht die Möglichkeit, dass die angestellte Tierärztin/der angestellte Tierarzt entweder täglich für einen verkürzten Zeitraum in der Praxis/Klinik anwesend ist, oder dass die Anzahl der wöchentlichen Arbeitstage reduziert wird. In diesem Fall wird an den Anwesenheitstagen Vollzeit gearbeitet.

Ein deutlicher Vorteil der flexiblen Arbeitszeiten bei Teilzeit ist die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf bzw. eine Weiterbildung oder Doktorarbeit neben dem Beruf.

Nachteile für den Arbeitnehmer:

  • weniger Verdienst durch die Verkürzung der Arbeitszeit
  • weniger Rente bzw. finanzielle Absicherung im Alter durch den geringeren Verdienst
  • Wechsel zurück in eine Vollzeitstelle beim gleichen Arbeitgeber ist oft schwierig

Nachteile für den Arbeitgeber:

  • Höhere Kosten (z.B. Lohnnebenkosten) und höherer Aufwand (u.a. durch Fortbildung mehrerer Mitarbeiter) als bei Vollzeitarbeitskräften
  • Anfallende Arbeit und Dienstzeiten der Teilzeitkraft sind im Tagesverlauf nur schwer kalkulierbar

 

Der dauerhafte Einsatz von Teilzeitkräften ist nur in größeren Tierarztpraxen und Kliniken sinnvoll. In kleineren Praxen ist die Umsetzung flexibler Arbeitszeitmodelle oft problematisch, da die Arbeitsleistung der nur wenigen Mitarbeiter schwer zu ersetzen ist. Beim Aufbau einer kleineren oder mittleren Praxis kann der vorübergehende Einsatz von Teilzeitkräften jedoch hilfreich sein, um z.B. durch Gleitzeit oder Schichtarbeit den Anfall von Mehrarbeit zu bewältigen.

 

  1. Jobsharing

Beim Jobsharing wird die Arbeitsstelle auf mehrere Mitarbeiter aufgeteilt, d.h. mehrere Tierärzte arbeiten in Teilzeit und teilen sich eine Vollzeitstelle. Die Arbeitszeiten, der Verdienst und die freien Tage werden untereinander aufgeteilt.

Die Grundvoraussetzung für das Gelingen dieses Modells ist eine gut organisierte Übergabe der erledigten und offenen Tätigkeiten. Außerdem sollten die Tierärzte, die sich einen Job teilen, ähnliche oder sich ergänzende Qualifikationen mitbringen und teamfähig sein, da das Jobsharing eine enge Zusammenarbeit und Abstimmung fordert.

Dieses Modell bietet zwar viele Freiheiten durch die hohe Flexibilität und ermöglicht durch die gleichzeitige Reduktion der Arbeitszeit eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Man ist jedoch von seinen Kollegen abhängig und muss die Arbeitszeiten mit diesen genau absprechen.

 

  1. Homeoffice/Telearbeit

Beim Homeoffice kann man durch moderne Kommunikationstechnik wie Internet, Telefon- oder Videokonferenzen teilweise (abwechselnd mit Präsenzzeiten in der Praxis/Klinik) oder ganz zu Hause arbeiten. Da der Arbeitgeber keine „Kontrolle“ über seinen Mitarbeiter hat, ist ein gegenseitiges Vertrauen die Grundvoraussetzung für dieses Modell.

Die Telearbeit ist gut geeignet für Tätigkeiten, die wenig Abstimmungen, aber eine hohe Konzentration und ruhige Arbeitsumgebung erfordern, z.B. das Erstellen von Berichten. Der Vorteil liegt darin, dass man eine große räumliche und zeitliche Flexibilität besitzt, was gerade für Eltern mit kleinen Kindern sehr hilfreich sein kann.

 

ERFASSUNG DER ARBEITSZEIT

Praxisinhaber sind gesetzlich verpflichtet, die Arbeitszeit der Mitarbeiter zu erfassen und zu dokumentieren. Dazu zählen auch die Zeiten von Bereitschaftsdiensten. Diese Dokumentation ermöglicht nicht nur eine Entlohnung der tatsächlichen Arbeitszeit (bei Vereinbarung einer Stundenentlohnung) und den Nachweis von Mehrarbeit, sondern soll auch verhindern, dass die arbeitsrechtliche Grenze von 48 Stunden in der Woche überschritten wird.

Eine manuelle Aufzeichnung der Arbeitszeiten ist mit viel Verwaltungs- und Zeitaufwand verbunden. Heutzutage wird die Dokumentation der Arbeitszeit durch PC-gesteuerte Systeme vereinfacht. Auch die mobile Zeiterfassung über Smartphone, Handy oder Notebook ist möglich. Die Arbeitszeiten, die ein Mitarbeiter ansammelt, werden dann automatisch von der entsprechenden Software auf ein Arbeitszeitkonto verbucht. Dies ist die Grundlage zur Anrechnung und Verwaltung der geleisteten Arbeitsstunden.

 

Softwares erleichtern jedoch nicht nur die Erfassung der Arbeitszeiten, sondern ermöglichen u.a. auch die Erstellung von automatischen Dienstplänen und stellen bei der Praxisorganisation und der Umsetzung der o.g. flexiblen Arbeitszeitmodelle in der tierärztlichen Praxis eine große Hilfe dar. Auf diesen Punkt gehen wir aber intensiver in diesem Artikel ein.

 

 

Über die Autorin:
Tonia Olson hat 2005 ihr Veterinärmedizin-Studium in München abgeschlossen. Bei ihrem anschließenden mehrjährigen Aufenthalt in Skandinavien war sie u.a. in einer städtischen Gemischtpraxis tätig. Nach der Elternzeit arbeitet sie nun in einer Kleintierpraxis in der Nähe von München. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder, eine Katze und einen Hund.

Gast

Hierbei handelt es sich um einen Gastartikel. Informationen über den jeweiligen Autor / die jeweilige Autorin entnehmen Sie bitte dem Text.

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