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Setzen Sie Ihre rosarote Brille ab… – aus dem Alltag einer Kollegin aus den USA

Setzen Sie Ihre Rosarote Brille Ab… – Aus Dem Alltag Einer Kollegin Aus Den USA

Wie sieht der Alltag eines Tierarztes aus? Vor allem in der Klinik?
Hier das „Tagebuch“ einer Kollegin, teil-übersetzt aus dem Englischen:

 

„Ich habe kürzlich meinen Job gewechselt. Aus der normalen Kleintierpraxis heraus in eine Notfall-Klinik. Ich liebe meinen Job. Ich bin Tierärztin.
Dennoch. Manche Momente der Realität schocken mich noch immer und zeigen mir, welche Bürde meine Arbeit TATSÄCHLICH hat:

Letzten Abend öffnete ich um 17:45 die Tür meiner Klinik, um den Nachtdienst anzutreten. Ich hatte das Gefühl, ich liefe in ein Irrenhaus. Ich versuchte sofort die Situation einzuschätzen, wo ich zuerst gebraucht werden könnte. Aber stellte dann Folgendes fest:
1. es gab nichts für mich zu tun.
2. das war die Realität einer Tierklinik.

 

Für diejenigen, die diesen Alltag nicht kennen, möchte ich nochmals ausführlicher schildern, was ich meine:

Ein fünf Monate Welpe war während der Kastration verstorben und lag in einem schlichten Karton auf einem der Behandlungstische, wo es darauf wartete, vom Besitzer abgeholt zu werden. Während der OP hatte man festgestellt, das der Welpe diverse kongenitale Erkrankungen aufwies, die sich der Allgemeinen- und Blutuntersuchung prä-OP entzogen hatten. Somit verstarb ein Jungtier während einer gängigen „das-kann-ich-im-Schlaf“-OP. Aber Komplikationen passieren. Keiner ist schuld daran. Nichts desto trotz war mein Kollege am Boden zerstört. Er musste einer Familie, die sich auf ihren neuen Spielkameraden freuten, die es kaum erwarten konnten, Bällchen zu spielen und rumzutollen, mitteilen, dass dieser nicht heim kehren würde. Er musste das Telefon in die Hand nehmen und sagen: „Es tut mir sehr leid, aber Ihr Hund ist während der OP verstorben.“ Das ist für einen Tierarzt bei Weitem nicht einfach.

 

Zum gleichen Zeitpunkt sprach eine Kollegin mit einer Patientenbesitzerin. Diese kam mit einem Hund, der inappetent war und seit EINER WOCHE Erbrechen zeigte. Auf Nachfrage fiel der Besitzerin ein, dass der Hund vor etwa einer Woche einen Kaktus gefressen hatte. Der Hund war inzwischen so schmerzhaft, dass er sich kaum mehr untersuchen ließ. Es wurden Röntgenbilder angefertigt, diese zeigen, dass drei Stacheln des Kaktus sich durch die Darmschleimhaut gebohrt hatten. Der einzige Weg, um dem Tier zu helfen war eine umgehende Not-OP. Kostenpunkt? Knapp $1500 mit einer 50/50 Chance.
Und wie reagierte die Besitzerin? Sie war ärgerlich: „Wie können Sie so kalt und herzlos sein, aus dieser Situation Kapital schlagen zu wollen.“ … Man sei doch Tierarzt geworden, um Tieren zu helfen und nicht die Besitzer auszunehmen! Man würde sie ja so in die Lage versetzen, das Tier einschläfern zu MÜSSEN! Und der Tierarzt sei daher am Tod des Tieres schuld!
Und der Tierarzt? Er weiß genau, dass er dem Tier helfen kann. Aber er darf nichts unternehmen, außer zur Euthaspritze zu greifen. Man fühlt sich wehrlos, denn hätte der Besitzer den Hund früher gebracht, wäre die OP ggf. sogar um Einiges günstiger geworden. Und alles was meine Kollegin sagen konnte war: „Ich weiß es ist eine schwierige Situation und es tut mir leid, aber ich bin an Kosten gebunden.“

 

Zu guter Letzt war noch ein alter Hund da, der plötzlich angefangen hatte, auf einem Bein lahm zu gehen. Die Besitzer dachten, es wäre Arthrose und wollten sich beim Tierarzt ein paar Medikamente abholen. Die Röntgenbilder zeigten aber ein deutliches Osteosarkom, welches bereits den kompletten Oberschenkel zersetzte.
Nun musste mein Kollege die schlechten Nachrichten überbringen, dass es leider nur drei Möglichkeiten gab: Entweder, das Bein zu amputieren, für die letzte Zeit noch Schmerzmedikation mitzugeben oder den Hund direkt zu euthanasieren. Mit dieser Antwort hatten die Besitzer natürlich nicht gerechnet. Somit oblag es wieder dem Kollegen, Mitmenschen aus ihrer heilen Welt zu reissen und sie zum Weinen zu bringen. Man ist wieder der Überbringer der schlechten Nachrichten.

 

Dies alles geschah zeitgleich um kurz vor sechs abends, als ich die Klinik betrat. NACHDEM bereits ein Tag vorüber war, mit ähnlichen und mehr Fällen. Dies war nur ein 15-Minuten Fenster eines 10-Stunden Tages.

Kein Wunder, dass die Tiermedizin unter der höchsten Selbstmord- und Abhängigkeitsrate leidet wie kein anderer Beruf. Kein Wunder, dass jeder Tierarzt irgendwann die sog. „Mitgefühlsmüdigkeit“ aufweist. Leider verstehen dies aber nur sehr wenige „Nicht-Tierärzte“. Viele sagten zu mir, dass ich meinen Job doch LIEBEN müsse, jeden Tag mit Welpen zu tun haben, wie süß! Auch wenn man ab und an mal ein Tier einschläfern muss…
Ich nicke in diesen Fällen nur und lächel. Was sie nicht wissen, ist dass ich zeitgleich denke „ja, stimmt. Die letzten drei Patienten in der letzten halben Stunde waren schon ZIEMLICH hart!“…

Was Tierärzte tun hat nichts mit Geldgier zu tun. Was wir tun ist lediglich, DAS umzusetzen, was wir in unseren Jahren des Studiums gelernt haben. Und zwar, wie wir Tieren helfen können. Wir sind überarbeitet, emotional am Ende, Beziehungsmüde, werden nicht für unsere Arbeit geschätzt und sind chronisch unterbezahlt. Dennoch wachen wir jeden Tag auf und arbeiten weiter für die Tiere, wir fühlen für und mit ihnen. Und wenn sie versterben, leiden wir ebenso. Wir überliefern schlechte Nachrichten, verletzen Menschen und erleben immer wieder Situationen, die wir nicht kontrollieren können. Wir können abends nur einschlafen, wenn wir uns selbst sagen, dass wir am Tage unser Bestes gegeben haben. Auch, wenn das heißt, dass Tiere sterben mussten.“

 

Geschrieben von Lindsey Lane Verlander, DVM

Englische und komplette Version zu finden unter: http://lindseylaneverlander.blogspot.de/2013/11/the-reality-of-veterinary-medicine.html?m=1

 

Dr. Lisa Leiner

Frau Dr. Lisa Leiner ist Tierärztin und Geschäftsführerin der Job- und Karriereplattform VetStage. Ihr Hauptaugenmerk liegt in der Personalakquise im Namen von Kolleginnen und Kollegen. Diskretion und gegenseitige Wertschätzung sowie Respekt stehen hierbei als Werte ganz oben.

Als Autorin des Buches "Stress- und Zeitmanagement für Tierärzte" schreibt sie zudem für das VetStage Magazin Artikel zu Themen wie Selbstmanagement, Kommunikation, Führungsqualitäten und Teamführung.

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