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Der Tierarzt für die Nacht

Der Tierarzt Für Die Nacht

Diesen Artikel gibt es auch als PODCAST. Hören Sie rein!

„Geh mir weg mit der Generation X und Y!“, sagt der Klinikleiter mürrisch. „Die wollen doch alle keinen Nacht- oder Wochenend-Dienst mehr machen!“ Da ist was dran.

Vor 30, vielleicht noch vor 20 oder gar 10 Jahren hat Helga, die freundliche Tierärztin, ganz normal tags Dienst geschoben und abends die Telefonbereitschaft gemacht und auch den Nachtdienst übernommen, wenn sie an der Reihe war. Heute gibt es Legionen von Helgas zu wenig. Viele Kliniken, die bekanntermaßen 365 Tage einen 24h-Notdienst anbieten müssen und wollen, finden schlicht niemanden oder viel zu wenige, die sich dafür bereit erklären. Und das hat Gründe; ebenfalls weitläufig bekannt.

Mit welcher Argumentation?

„Ich reiß doch keine 80 Stunden die Woche runter – für dieses Gehalt?“, argumentieren Tierärzte und Tierärztinnen landauf, landab. Mit „diesem Gehalt“ ist meist das verbreitete Tarifmodell gemeint: Der Arzt, die Ärztin wird für den Tagdienst bezahlt – und macht Nächte und Wochenenden quasi gratis als Zugabe. Der Gedanke, dass für dieses Modell in unseren modernen Zeiten Freiwillige zu finden relativ fruchtlos sein könnte, sprengt nicht unbedingt die Grenzen der Vorstellungskraft.
Apropos „Vorstellungskraft“.

Können Sie sich vorstellen, dass eine Tierklinik einen Tierarzt, eine Tierärztin sucht – aber keine „normalen“ Ärzte, sondern nur und ausschließlich für die Nacht und das Wochenende? Gute Idee? Ich trage sie schon Jahre heimlich mit mir herum und traue mich manchmal, sie laut auszusprechen und was kriege ich dann zu hören?

„Das funktioniert doch nicht!“ Aha. Das erinnert mich an den Ritt übern Bodensee: Wenn man nicht weiß, dass unter den Hufen ein zugefrorener See ist, gelangt man sicher ans andere Ufer. Die Amerikaner und die Briten wissen es offensichtlich nicht: Bei denen funktioniert das Modell des, verzeihen Sie den verkürzten Ausdruck, des „Nur für die Nacht-Arztes“. Die Amis und die Briten machen das schon seit einiger Zeit. Erfolgreich. Versteht sich. Und bei uns soll das nicht funktionieren? Warum nicht? Zockeln wir so weit hinter Amis und Briten hinterher?

Das Nacht-Modell

Jedes Hotel findet seinen Nachtportier. Es gibt Programmierer, die arbeiten generell nur von neun bis zwei Uhr – nachts. Etliche Versicherungs- und Finanzmathematiker arbeiten grundsätzlich nur nachts und viele Mitglieder von virtuellen, internationalen Teams machen schon wegen der Zeitverschiebung zwischen den Zeitzonen die Nacht zum Tage. In der Industrie gibt es ein ganzes Heer von Menschen beiderlei Geschlechts, die seit Jahren prinzipiell die Nachtschicht fahren – weil sie gerade ein Häusle bauen, das Geld für ausgefallene Urlaube brauchen oder ganz einfach Nachtmenschen sind. In so vielen Ländern, Branchen, Organisationen, Berufen und Unternehmen funktioniert es doch auch!

Natürlich setzt das Nur-Nachtarzt-Modell voraus, dass es Kliniken gibt, die vom üblichen Modell Abstand nehmen: Arzt arbeitet tags, macht dann noch den Nachtdienst obendrauf, muss nachts um drei raus, ein Kälbchen auf die Welt bringen und stolpert danach mehr tot als lebendig durch den nächsten Tagdienst. Gibt es aufgeklärten Kliniken, die sich das nicht mehr leisten wollen? Ja. In Deutschland, wo das angeblich nicht funktionieren soll? Ja. Sonst würde ich diese Zeilen nicht schreiben.

Healthcare and medicine.

Apropos „Vorstellungskraft“

Ich könnte mir vorstellen – wer kann es noch? – dass das Nur-nachts-und-an-den-Wochenenden-Modell nicht nur etwas für Nachteulen ist, sondern für viele andere Menschen auch, die eben einen anderen Tag-Nacht-Rhythmus haben als wir Normalsterblichen. Eine Tierärztin, dreifache Mutter – ausgerechnet! – zeigte sich spontan begeistert, als ich ihr von der Idee erzählte:

„Das wäre doch was für mich!“
„Äh, wie? Entschuldige, aber du hast drei Kinder.“
„Ja, eben drum!“
„?“
„Typisch Mann: Ihr versteht das nicht. Meine drei gehen alle zur Schule. Wenn ich arbeite, bin ich nicht da wenn die da sind. Wäre ich die Nachtärztin, dann komme ich morgens heim, schlafe mich aus während die drei noch in der Schule sind, koche ihnen Mittagessen – mein Frühstück dann – und kann sie nachmittags bei den Hausaufgaben betreuen oder was mit ihnen anstellen. Super. Ich rede mal mit unserem Chef.“ Gute Idee.

 Ich würde übrigens gerne mehr solcher aufgeklärter und progressiver Tierärztinnen, Tierärzte und Klinikchefs kennenlernen.
Falls Sie zu dieser aparten Elite zählen:
Schreiben Sie mir eine Zeile?…

Über den Autor:

Georg Frey / symbiose

Georg Frey: QM-Profi | Trainer | Mentor
„Wer Freude am Tun hat, muss nie wieder arbeiten!“ lautet das Motto

Seit vielen Jahren berät und unterstützt der Tierarzt Georg Frey mit seinem Unternehmen Symbiose Tierarztpraxen und -kliniken bei der Einführung von Qualitätsmanagement(QM)-Systemen. Seine Kunden profitieren dabei von der 20-jährigen Berufserfahrung als Inhaber einer Kleintierklinik, Mitinhaber einer Pferdeklinik mit Großtierpraxis und als Schlachthofdirektor.
Bereits zu seinen Zeiten als Praktiker erkannte Herr Frey, dass Managementsysteme ein bedeutendes Tool sind, um tierärztliche Unternehmen erfolgreich zu führen. Dazu gehörte auch die Erkenntnis, dass Teams nur dann motiviert und erfolgreich sind, wenn alle Mitarbeiter dort eingesetzt werden, wo ihre Stärken liegen.
Gründer und Leiter der Symbiose Freude am managen

E-Mail: g.frey@symbiose-gmbh.de
www.symbiose-vet.de

Dr. Lisa Leiner

Frau Dr. Lisa Leiner ist Tierärztin und Geschäftsführerin der Job- und Karriereplattform VetStage. Als Autorin des Buches "Stress- und Zeitmanagement für Tierärzte" schreibt sie regelmäßig auch für das VetStage Magazin Artikel zu den Themen Selbstmanagement, Kommunikation, Führungsqualitäten und Teamführung.

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