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Unser Beruf im Spannungsfeld zwischen Tierliebe, Tierschutz u. Verbraucherschutz

Unser Beruf Im Spannungsfeld Zwischen Tierliebe, Tierschutz U. Verbraucherschutz

Januar 2015 – Niedersächsischer Tierärztetag in Hannover – Ein Bericht der Podiumsdiskussion

 

„Spannungsfeld, Tierliebe, Tierschutz, Verbraucherschutz“ … all das sind doch ganz alltägliche Facetten des Tierarztberufs!
Darüber kann man reden…. aber stößt eine Podiumsdiskussion hierzu tatsächlich auf breites Interesse bei Tierärztinnen und Tierärzten ?

Und wie kann die Einbindung des Auditoriums gelingen ? Was tun, wenn keine Fragen, keine Beteiligung aus dem Saal kommt ? Was tun, wenn Publikumsbeiträge entgleisen und polemische Beschimpfungen jeglichen konstruktiven Diskurs unterbinden ?

Werden die Politprofis auf dem Podium nur unverbindliche Worthülsen oder doch konkrete Aussagen beisteuern?

Im Nachhinein mögen all diese Fragen und Zweifel kaum nachvollziehbar erscheinen!

Denn die Thematik traf beim Niedersächsischen Tierärztetag offensichtlich genau den Nerv der Teilnehmer. Um die 500 Kolleginnen und Kollegen sollen es gewesen sein, die dieses Programmangebot wahrgenommen und so den Saal gefüllt haben.

 

Das Podium war mit dem Landesbischof Ralf Meister, Dr. Maria Flachsbarth, parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung sowie Christian Meyer, Niedersächsischer Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, prominent besetzt.
Dr. Ottemarie Müller, Dr. Thomas Große-Beilage und Dr. Martin Hartmann vertraten als tierärztliche Repräsentanten auf dem Podium die Sichtweisen der Kleintierpraxis, der Nutztierpraxis sowie des behördlichen Veterinärdienstes.

Die stringente Moderation durch den gelernten Journalisten Uwe Haring hatte zweifelsohne großen Anteil an dem sachorientiert-disziplinierten Verlauf der Gesprächsrunde. Schon in der Begrüßung und Anmoderation wurden brisante Diskussionspunkte angesprochen und die Podiumsgäste mit zum Teil polarisierenden Aussagen konfrontiert, so dass kein Raum für langatmige Statements verblieb.

 

Die Diskussion beginnt

Er habe in den vergangenen Jahren in der Konfrontation mit den niedersächsischen Realitäten das Thema des „Tierwohls“ als ein theologisches Thema aufgegriffen. In der Familie sei die Frage des Fleischkonsums intensiv diskutiert worden und man habe sich zu einer Reduktion des Verbrauchs entschieden, berichtete der Bischof. In einer weiteren Kernaussage betonte Ralf Meister dass Tierärzte eine Mitverantwortung für die Achtung der Kreatur tragen!

Der Landestierarzt in Baden-Württemberg, Dr. Martin Hartmann, schränkte jedoch ein, dass die Amtsveterinäre lediglich die Einhaltung der vorgegeben Gesetze einfordern könnten. Deshalb sei die Definition von Mindeststandards wichtig und vorteilhaft, um Tierhaltungen rechtskonform beurteilbar zu machen.

Der Amtsveterinär werde bei der Wahrung seiner Tierschutzfunktionen von Landwirten zunehmend als Feind wahrgenommen. Umso wichtiger sei die rückhaltlose Unterstützung durch die Amtsleitung und eine verbesserte Ausbildung für ein Krisenmanagement.

Landwirte seien keine Tierquäler und Tierärzte keine Dealer betonte die Staatssekretärin aus dem Bundesministerium, Dr. Maria Flachsbart. Sie forderte eine faire Kommunikation der Veränderung von Aufgabenschwerpunkten ein.

Ihres Erachtens hat der Tierhalter ein wirtschaftliches Interesse an der der Gesunderhaltung und Leistungsfähigkeit seiner Bestände. Entsprechende Tierärztliche Beratungsleistung unter der Vorgabe eines verringerten Arzneimitteleinsatzes könne und müsse deshalb durchaus kostenpflichtig sein.

Nach dem KPMG-Gutachten zum Dispensierrecht stünde aktuell nicht dessen Abschaffung, wohl aber dessen Modifikation auf der politischen Tagesordnung.

In diesem Zusammenhang erklärte Thomas Große-Beilage, dass er sich als Nutztierpraktiker Gedanken über eine faire Gebührensystematik gemacht habe. Er wolle nicht über „Provisionen“ im Dispensierrecht, sondern über Honorare für tierärztliche Leistungen sein Einkommen erzielen.

Das quantitative Wachstum in der Nutztierhaltung der Vergangenheit habe Defizite in der Tierbetreuung verursacht. Nun sei es an der Zeit qualitative Nachbesserungen anzugehen.

Es sei durchaus Aufgabe der Nutztierpraktiker deutlich zu machen, dass „wirtschaftliche Zwänge“ gegenüber bestimmten Anforderungen an eine gute Tierhaltung zurückstehen müssten.

Der Niedersächsische Minister Christian Meyer begrüßte diese Debatte in der Tierärzteschaft und forderte, die Tierärzte müssten daran mitwirken, die Tierhaltungen gemäß den gesellschaftlichen Erwartungen fortzuentwickeln.

 

Im Zusammenhang mit der Diskussion um das Dispensierrecht betonte Meyer, es sei falsch den Blickwinkels darauf einzuengen, was die Politik den Tierärzten wegnehmen wolle. Notwendig sei die Fokussierung auf die Entwicklung eines Vergütungssystems, welches tierärztliche Leistung angemessen honoriert.

Finanziellen Druck kennt auch die Kleintierpraxis bestätigte Ottemarie Müller. Kritik an Haltung oder Fütterung ihres Vierbeiners kann schnell den Verlust des Kunden bedeuten.

Konflikte ergeben sich oftmals aus den Tierhaltererwartungen an die scheinbar grenzenlosen Möglichkeiten der modernen Veterinärmedizin und der Beratung zu Maßnahmen, die wirklich hilfreich für das Tier und tierschutzgerecht sind.

Oftmals sei es viel schwieriger Rückgrat gegenüber dem Tierhalter zu bewahren, als ein krankes Tier zu heilen.

 

Das Auditorium

Die anschließenden Fragen und Beiträge aus dem Auditorium waren von großer Ernsthaftigkeit bestimmt und machten deutlich, wie sehr Tierärzte sich im Spagat zwischen den Belangen des Tieres, den Wünschen der Tierhalter und den gesellschaftlichen Erwartungen befinden. Der Stimmungsbogen umfasste das gesamte Spektrum von Ratlosigkeit über Versuche der Ursachenermittlung, von Schuldzuweisungen bis hin zu Resignation, aber auch vage Lösungsansätze für das dargestellte „Spannungsfeld“.

Der Landesbischof Meister betonte, der Beruf des Tierarztes könne nicht allein auf ökonomische Zielsetzungen, auf Gelderwerb beschränkt sein. Die Tierärzteschaft müsse klären, ob es eine Berufung hierzu gäbe.

Der Verlauf der Podiumsdiskussion dürfte diese Frage bereits beantwortet haben. Sowohl die Beiträge von den Akteuren auf dem Podium, als auch das aufrichtige Interesse im Auditorium am Spannungsfeld des Tierarztberufes haben sicherlich bei allen Beteiligten einen tiefen Eindruck hinterlassen.

 

 

Autor: Dr. M. Drees, Worpswede
Original-Artikel erschienen im Mitteilungsblatt des ganzen Nordens, 1/2015

Dr. Lisa Leiner

Frau Dr. Lisa Leiner ist Tierärztin und Geschäftsführerin der Job- und Karriereplattform VetStage. Als Autorin des Buches "Stress- und Zeitmanagement für Tierärzte" schreibt sie regelmäßig auch für das VetStage Magazin Artikel zu den Themen Selbstmanagement, Kommunikation, Führungsqualitäten und Teamführung.

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