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Coronaviren und andere Zoonosen – eine unterschätzte Gefahr?

Coronaviren Und Andere Zoonosen – Eine Unterschätzte Gefahr?

Dieser Artikel stammt aus dem Portal Vets Online.

Von Johanna Schmidbauer, Veterinärjournalistin

 

Von den meisten Wirbeltieren wissen wir, dass sie Krankheiten auf Menschen übertragen können. Ausgelöst werden diese Zoonosen durch Bakterien, Pilze, Parasiten oder Viren, wobei letztere eine besonders große Gefahr darstellen. Vor allem bei den Epidemien der vergangenen Jahre handelte es sich oft um Viren, die von Tieren auf Menschen übergesprungen sind, wie beim aktuellen Coronavirus 2019-nCoV.

Schon immer bildeten Tiere ein Reservoir an möglichen Krankheitserregern für Menschen. Das betrifft sowohl Haus- und Nutztiere als auch Wildtiere. Manche Zoonosen sind nicht oder nur schwer von Mensch zu Mensch übertragbar. Beispielsweise Tollwut, Fuchsbandwurm, Toxoplasmose oder durch Vektoren übertragene Krankheiten wie Borreliose. Hier sind daher typischerweise häufig Tierhalter, Tierpfleger, Tierärzte oder auch Waldarbeiter betroffen.

Andere Zoonosen hingegen – wie das Coronavirus 2019-nCoV – haben eine hohe Mensch-zu-Mensch-Kontagiosität und können Epidemien oder sogar Pandemien auslösen. Urbanisierung und Globalisierung haben dazu geführt, dass sich Krankheiten heute schneller ausbreiten als früher. Während vor 70 Jahren nur knapp 30 Prozent der Weltbevölkerung in Städten lebte, sind es heute 55 Prozent, die zum Teil auf engstem Raum in Millionenstädten zusammenleben.

Übertragung und Gefährlichkeit von Zoonosen

Viele der heutigen, gefährlichen Infektionskrankheiten wie HIV, Ebola, SARS (Severe acute respiratory syndrome) stammen ursprünglich von Wildtieren ab. Nach neueren Untersuchungen haben besonders Coronaviren nach einem Wirtswechsel ein hohes Potenzial Epidemien auszulösen. Möglicherweise wurde die Risikobewertung von Coronaviren in der Vergangenheit unterschätzt. Coronaviren sind beim Menschen zwar häufig an harmlosen Erkältungen beteiligt, ebenso wie bei Tieren. Allerdings haben Coronaviren eine starke Fähigkeit zu mutieren, was bei Katzen beispielsweise zur Felinen infektiösen Peritonitis (FIP) führen kann.

Ein großes Reservoir an neuen Coronaviren bilden Fledermäuse, bei denen sie jedoch im Normalfall keine Symptome auslösen. Die Frage ist, wie gerade Viren, die ja speziell auf den Wirt angepasst sind, den Artensprung schaffen. Um den Wirt zu wechseln, muss das tierische Virus zum einen in die menschliche Zelle eindringen, indem es seine Oberflächenproteine an die Zellrezeptoren andockt. Zum anderen muss es das menschliche Immunsystem überwinden, was durch verschiedene Mechanismen erfolgen kann. So hat das SARS-Virus menschliche Antikörper durch bestimmte eigene Oberflächenproteine abgefangen.

Zur Risikobewertung untersuchen Wissenschaftler seit einigen Jahren, wie stark sich Viren genetisch verändern müssen, um menschliche Zellen befallen zu können.

Entstehung des Coronavirus 2019-nCoV

Nach einem Genomvergleich der ersten zehn 2019-nCoV-Erreger von neun verschiedenen Patienten, stimmten diese zu 99,98 Prozent überein, was den Schluss zulässt, dass das neue Virus erst vor Kurzem entstanden ist.

Am nächsten verwandt ist das 2019-nCoV mit zwei Coronaviren von in China beheimateten Fledermäusen. Die Sequenzen stimmen zu 88 Prozent überein, bei SARS waren es im Vergleich 79 Prozent. Daher handelt es sich vermutlich um eine Rekombination zwischen einem Fledermausvirus und einem noch unbekannten Coronavirus. Da jedoch Fledermäuse auf dem Markt, von dem das 2019-nCoV wohl stammt, gar nicht gehandelt wurden, ist eine Schlange der wahrscheinlichste Zwischenwirt für das Virus.

Die Infektiosität des Virus entstand durch die Rekombination im Glykoprotein der Virusmembran. Dieses veränderte Oberflächenprotein kann nun die humanen Zelloberflächenrezeptoren erkennen. Dadurch kann das Virus an die Zelle andocken und mit der Zellmembran fusionieren, um anschließend in die Zelle einzudringen.

Gefahr für Tierärzte und Studierende

Zoonosen stellen für Tierärztinnen und Tierärzte ein generelles Berufsrisiko dar und die Seroprävalenz gegenüber verschiedenen Zoonose-Erregern liegt bei ihnen höher als bei der durchschnittlichen Bevölkerung. Doch auch Veterinärmedizinstudierende kommen von Anfang an mit potenziellen Zoonose-Quellen in Kontakt.

In analysierten Studien war die Kryptosporidiose nicht nur die am häufigsten beschriebene Zoonose bei Studierenden der Veterinärmedizin. Sie ging auch mit der größten Anzahl von Erkrankten einher. Hingegen waren die Seroprävalenzwerte bei den Studierenden am höchsten bei der Lyme-Borreliose und am zweithöchsten beim Q-Fieber.

Deutlich ist, dass die Fälle von Zoonosen bei Veterinärmedizinstudierenden unterschätzt werden. Zum einen werden geringgradige Krankheitsfälle häufig nicht gemeldet, zum anderen nicht veröffentlicht. Auch beziehen sich die Veröffentlichungen in erster Linie auf Europa und Nordamerika.

Es besteht also möglicherweise Nachholbedarf, die Zoonose-Risiken vom ersten Semester an in die Ausbildung miteinzubeziehen, insbesondere mit Schwerpunkt auf entsprechende Biosicherheitsmaßnahmen.

Aufklärung von Tierhaltern

Auch in der Praxis ist die Aufklärung von Tierhaltern in Bezug auf Zoonosen ein wichtiger Punkt und zudem eine gewisse Herausforderung. Einerseits sollen Patientenbesitzer sensibilisiert werden, denn gerade bei Infektionen in der Humanmedizin werden Tierkontakte nicht immer sofort als mögliche Quelle in Betracht gezogen.

Auf der anderen Seite sollten Tierhalter dabei nicht in übermäßige Besorgnis versetzt werden. Es ist sinnvoll, sie sachlich über die jeweils tierartspezifischen, möglichen Zoonosen aufzuklären, insbesondere auf die Region bezogen. Neben gängigen Haus- und Nutztieren dürfen dabei die selteneren Tiere wie Reptilien oder Fische als Zoonose-Überträger nicht außer Acht gelassen werden.

Hilfreich ist es auf jeden Fall, Patientenbesitzer auch über allgemeine Vorsichtsmaßnahmen zu informieren. Denn gute Hygiene minimiert die Chancen, an potenziellen Zoonosen zu erkranken.

Weitere Informationen

Autorin: Johanna Schmidbauer, Veterinärjournalistin
Datum: Februar 2020
Quellen:

  • Deutsches Ärzteblatt Online: Genom-Analysen klären Herkunft von 2019-nCoV, 30. Januar 2020 (aerzteblatt.de) (Abruf 02/2020)
  • Lu R. et al.: Genomic characterisation and epidemiology of 2019 novel coronavirus: implications for virus origins and receptor binding, The Lancet Online, January 30, 2020 (thelancet.com) (Abruf 02/2020)
  • Sánchez A. et al.: Zoonoses in Veterinary Students: A Systematic Review of the Literature, PLoS One. 2017; 12(1): e0169534.
  • Ji W. et al.: Homologous recombination within the spike glycoprotein of the newly identified Foto coronavirus may boost cross‐species transmission from snake to human, Journal of Medical Virology, 22 January 2020 (onlinelibrary.wiley.com) (Abruf 02/2020)
  • Bundesministerium für Bildung und Forschung: Gefährliche Eindringlinge – Droht nach der Schweine- und Vogelgrippe in Zukunft eine Fledermausgrippe?, Newsletter 53 / September 2011  (www.gesundheitsforschung-bmbf.de) (Abruf 02/2020)
  • Migrationsdatenportal: Urbanisierung und Migration (www.migrationdataportal.org) (Abruf 02/2020)

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