Chemotherapie und Besitzeraufklärung aus dem Blickwinkel einer Onkologin

erstellt am 7. September 2022

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Fachbeitrag
Ein Beitrag von  Dr.med.vet. Katja Winger, Dipl. ECVIM-CA (Medical Oncology), Leitende Tierärztin Onkologie ,  AniCura Stuttgart GmbH auf VetStage
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Nach wie vor eilt ihr schlechter Ruf der Chemotherapie voraus. Viele Besitzer bewegt die Frage: “Tue ich meinem Liebling mit dieser Entscheidung einen Gefallen?” 

Nicht nur Kollegen und Kolleginnen fällt es teils immer noch schwer, ihren Patienten diese Therapiemöglichkeit guten Gewissens zu empfehlen. Mangelhafte Aufklärung, fehlende Praxis und veraltetes Wissen sowie oftmals negative Erfahrungen aus der Humanmedizin tragen zu großer Verunsicherung, falschen Vorurteilen und Ablehnung bei.

Dabei sind die  Bedenken der Besitzer durchaus nachvollziehbar. Wenn man seinem geliebten Vierbeiner nach einer niederschmetternden, schweren Diagnose noch einen Wunsch erfüllen mag, dann doch den eines würdevollen und schönen Lebensabends ohne Stress und belastenden Nebenwirkungen einer Therapie, welche den Ausgang der Diagnose nur selten bahnbrechend verändern kann? Zusätzlich kommen Sorgen über die Reaktion des Umfelds dazu, wie: “Was denken meine Gassi-Freunde von mir?'', “Wie soll ich die Entscheidung vor meiner Familie rechtfertigen?”, “Gefährde ich damit nicht auch andere Kontaktpersonen und -tiere?” und ”Kann ich mir diese Therapie überhaupt leisten?”.


Eine echte Option oder nur Quälerei? Lohnt sich eine Überweisung?

Ja es lohnt sich! Als leitende Onkologin in der Tierklinik Stuttgart Plieningen habe ich den besonderen Vorteil täglich Krebspatienten und ihre Besitzer begleiten zu dürfen. Ich kenne die Gedanken und Sorgen und erlebe Erfolge und Misserfolge der Therapie hautnah. Ich bin überzeugt, dass objektive medizinische Aufklärung und Erfahrungsberichte aus erster Hand einen Großteil der Vorurteile aus dem Weg räumen können.

Damit Entscheidungen nachhaltig getroffen werden können, steht an erster Stelle betroffene Besitzer und ihre Tiere, deren Lebensumstände und Charaktereigenschaften in einem Beratungsgespräch ohne Zeitdruck kennenzulernen. Nicht jede Therapie passt zu jedem Tier aber häufig finden sich gute Alternativen. Individuelle Anpassungen standardisierter Therapieprotokolle tragen zur Erhaltung und sogar Steigerung der Lebensqualität während der Therapie entscheidend bei. Zusätzlich versuchen wir Unsicherheiten zum Therapieablauf zu nehmen, indem wir intensiv über die Behandlungsabläufe aufklären. Dazu gehört auch das Kennenlernen unserer Abteilung für Onkologie, denn das erfahrene und eingespielte Team, welches auch bei ängstlichen Tieren durch routinierten und liebevollen Umgang Vertrauen aufbaut, trägt entscheidend dazu bei Ängste vor der Behandlung bei Tier und Besitzer abzubauen. Das Ziel des Gesprächs ist, dass der  Besitzer letztendlich mit einem guten Bauchgefühl heraus, korrekt aufgeklärt entscheiden kann.


Patientenbesitzer aufklären und erklären- Die Chemotherapie in der Kleintiermedizin:

Patientenbesitzer intensiv und aktuell zur Chemotherapie aufzuklären ist wie oben beschrieben ein wichtiger Baustein. Vor allem die Unterschiede zwischen der Chemotherapie in der Humanmedizin und der Tiermedizin führen zu einem viel besseren Verständnis. Folgend ein paar wichtige Punkte:

  • Im Allgemeinen ist „Chemotherapie“ eine medikamentöse Behandlung von bösartigen Tumoren mit sogenannten Zytostatika.
  • Zytostatika sind Medikamente, die sich teilende Zellen angreifen und abtöten. Sie wirken bedauerlicherweise nicht nur auf Tumorzellen, sondern auf alle sich schnell teilende Körperzellen. Dazu gehören vor allem die Zellen des Magen-Darm-Trakts und der Blutbildung. Daher zeigen sich potenzielle Nebenwirkungen einer Chemotherapie vor allem in diesen Bereichen in Form von möglicherweise reduziertem Appetit, Erbrechen, Durchfall, eingeschränkter Immunabwehr bis hin zur seltenen Blutvergiftung.
  • Unseren Patienten soll es während bzw. gerade aufgrund ihrer Chemotherapie möglichst sehr gut gehen. Sie sollen ihren Alltag inklusive aller Gewohnheiten, die diesen ausmachen, auch weiterhin möglichst uneingeschränkt leben können. Dazu gehören auch Spielen, Toben, Sporteln, Baden, Kuscheln und Vieles mehr. Das mag widersprüchlich klingen. Wie ist dies möglich?
  • In der Tiermedizin werden die gleichen Medikamente wie in der Humanmedizin verwendet. Der entscheidende Unterschied liegt in der deutlich geringen Dosis, die wir unseren vierbeinigen Patienten verabreichen. Es gilt die Redewendung: „Die Dosis macht das Gift“.
  • Im Gegensatz zur Humanmedizin liegt in der Tiermedizin die absolute Priorität auf der Lebensqualität des Patienten! Lebensqualität und Lebensfreude stehen im Zweifel auch über dem Ziel der Krebstherapie. Als Onkologen können wir die Prognose einer Tumorerkrankung und den Erfolg einer Chemotherapie lediglich statistisch einschätzen. Auch die individuelle Verträglichkeit einer Therapie kann leider nicht mit der ersten Verabreichung garantiert werden. Um das Ziel der maximalen Verträglichkeit zu erreichen, sind Dosisanpassungen oder Medikamentenwechsel für Folgesitzungen üblich
  • Mögliche Nebenwirkungen sind, wenn sie überhaupt auftreten, meist nur mild. Es kann jedoch in sel

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Dr.med.vet. Katja Winger, Dipl. ECVIM-CA (Medical Oncology), Leitende Tierärztin Onkologie

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