Fallbericht: Chihuahua-Mischling mit Malokklusion Klasse II

erstellt am 24. Juni 2022

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Fallbeispiel
Ein Beitrag von  Robert Gey,  Tierarzt Schwerpunkt Zahnheilkunde ,  Kleintierpraxis am Wasserturm auf VetStage
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Matti, ein Chihuahua-Mischling, geboren im Oktober 2020, wurde erstmalig im Alter von 12 Wochen aufgrund einer Kieferfehlstellung (Dysgnathie) vorgestellt.

Klinische Untersuchung & Diagnose

In der klinischen Untersuchung konnte eine kongenitale schwere Malokklusion basoskeletalen Ursprungs der Klasse 2 mit starkem Rückbiss (Distalbiss) festgestellt werden, was einer mandibulären Distokklusion entspricht. Im Alter von 6 Monaten wurde Matti wieder vorgestellt und die Entwicklung der Zahnstellung kontrolliert. Aufgrund des starken Rückbisses war die Stellung der Canini des Unterkiefers relativ zu steil zum Oberkiefer und sie schoben nicht an diesem vorbei, sondern es entstand auf beiden Seiten ein Einbiss, distopalatinal der Oberkiefercanini. Das entspricht einem Unterkiefercaninussteilstand vom Grad 4.

Einbisse können durch Traumatisierung des Oberkiefers oder antagonistischer Zähne Schmerzen verursachen und zu vermindertem Spielverhalten, schlechterer Futteraufnahme und Kopfscheuheit führen. In extremen Fällen kann sich sogar eine oronasale Fistel entwickeln. Grundsätzlich ist die Prognose bei Kieferfehlstellungen umso besser, je früher eine Behandlung eingeleitet werden kann, da so noch das Kieferwachstum ausgenutzt werden kann, um eine physiologische bzw. funktionelle Verzahnung zu gewährleisten. Dentoalveoläre Fehlstellungen sind i. d. R. leichter zu korrigieren als basoskeletale.

Therapie

Der Lösungsansatz bestand darin, den Unterkiefercaninussteilstand Grad 4 durch Lateralisierung der Canini 304 und 404 zu behandeln. Im Anschluss sollten die Canini des Unterkiefers dann distal der Oberkiefer-Canini am Gaumen vorbei schieben. Eine Aufbiss-Schiene sollte eine entsprechende Lateralbewegung ermöglichen. Unter tiefer Sedierung wurde daraufhin eine Aufbiss-Schiene aus Kunststoff angefertigt und eingesetzt. Das Prinzip einer Aufbiss-Schiene beruht auf der passiven Lateralisierung durch den stetigen Druck der Canini auf eine schiefe Ebene. Da dieser Eingriff keine tiefe Narkose des Patienten erfordert und keine Aerosolbildung zu erwarten ist, wurde in diesem Fall auf eine Intubation verzichtet. Als Vorteil resultiert u.a. ein Platzgewinn in der Maulhöhle für das Modellieren der Aufbiss-Schiene sowie die Möglichkeit die korrekte Form durch Okklusion zu kontrollieren.

Nachsorge

Solange die Aufbiss-Schiene eingesetzt bleibt , sollte das Tier einen Halskragen o.Ä. tragen, damit es die Schiene nicht vorzeitig selbst entfernt. Es sollte nur weiches Futter angeboten und ein Kauen auf harten Gegenständen sowie Zerrspiele des Hundes unterbunden werden. Des Weiteren sollte eine tägliche Reinigung der Schiene durch den/die Besitzer:in erfolgen.

Weiterer Verlauf

Bereits nach 14 Tagen waren die Canini des Unterkiefers ausreichend lateralisiert, sodass sie nun am Gaumen des Oberkiefers vorbei schoben. Die Aufbiss-Schiene konnte daher – wieder unter tiefer Sedation – entfernt werden. Als Begleiterscheinung des Kontaktes der Kunststoffschiene mit der Maulschleimhaut war eine Gingivitis entstanden, die nach weiteren zehn Tagen vollständig verheilt war. Aus dieser Erfahrung heraus wurden nachfolgende Aufbiss-Schienen nur noch freischwebend gefertigt, sodass kein Kontakt mehr zwischen Kunststoffschiene und Gingiva entstehen konnte und sich daher auch keine Gingivitiden mehr entwickelten.

In der Nachkontrolle ein Jahr nach dem Eingriff zeigte der Hund ein ungestörtes Allgemeinbefinden sowie einen guten Ernährungszustand. Die Unterkiefer-Canini schoben – wie beabsichtigt – weiterhin an denen des Oberkiefers vorbei und verursachten keine Reizung der palatinalen Schleimhaut. Dank der Lateralisierung kann der Hund trotz schwerer Unterkieferverkürzung schmerzfrei und problemlos leben.

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Literatur:

Erkrankungen im Zahn-, Mund- und Kieferbereich. In: Kohn B, Schwarz G, Hrsg. Praktikum der Hundeklinik. 12., aktualisierte Auflage. Stuttgart: Enke Verlag; 2017.

Fehlerhafte Zahnstellungen. In: Eickhoff M, Hrsg. Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde bei Klein- und Heimtieren. 1. Auflage. Stuttgart: Enke Verlag; 2005.

 

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Autor:innen

Robert Gey, Tierarzt Schwerpunkt Zahnheilkunde

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