Fachbeitrag
Ein Beitrag von  Kuhkraft,  Kuhkraft – gute, gesunde Kühe auf VetStage

Über dicke und dünne Kühe

erstellt am 5. August 2021

Hinweis: VetStage ist nicht für den Inhalt verantwortlich. Bitte wende dich bei Rückfragen direkt an den Verfasser.

Eine optimale Kondition ist ein wesentlicher Bestandteil für die Gesundheit der Herde. Dabei stellt sowohl zu wenig als auch zu viel Kondition ein Risiko für die Kuh dar und es gilt, durch konsequentes Management beides zu verhindern. Im folgenden Beitrag beschäftigen wir uns damit, wie Kühe zu dünn bzw. zu dick werden, wie man das bestmöglich erkennt und was jede:r in ihrem/seinem Betrieb tun kann, um eine optimale Kondition der Herde sicherzustellen.

Wie werden Kühe zu dünn?

Man nehme: 

  1. Eine Kuh, vorzugsweise bereits in der 3. Laktation oder älter. 
  2. Wechselndes, schlecht geschultes Betreuungspersonal, das Lahmheiten und kranke Kühe zu spät erkennt. 
  3. Einen kaputten oder veralteten Klauenstand, in dem Arbeiten so gar keinen Spaß macht. Wahlweise kann man auf den Klauenstand auch gleich ganz verzichten. 
  4. Einen Futtertrog der stundenweise leer steht, am besten noch mit wechselnden Fütterungszeiten. 
  5. Eine ungepflegte Liegebox, die nicht auf die Herde abgestimmt ist und nicht zum Ruhen einläd. 
  6. Laufgänge mit älterem Gussasphalt, die einen zu hohen Klauenabrieb provozieren. Oder Gummimatten und grobe Sägespäne, die dicke Gelenke provozieren. 
  7. Einen nicht ventilierten Stall, der bei den Kühen neben der fehlenden Frischluft und dem daraus resultierenden hohen Keimgehalt einen wahnsinnig großen Hitzestress verursacht und ebenfalls einen Rückgang der Futteraufnahme bedingt. 
  8. Eine überbelegte Trockensteherbox.
  9. Viel zu lange oder zu enge Laufwege zum Futtertisch. 
  10. Einen Klauenpfleger der nie Zeit für meine Herde hat oder höchstens 1x im Jahr vorbeischaut.
  •  Fertig ist die zu dünne Kuh!


Wie werden Kühe zu dick?

Diese sieben Punkte führen dazu, dass Kühe zu dick werden:


  1. Eine Kuhherde ohne gutes Herdenmanagement bzw. Fruchtbarkeitsmanagement. 
  2. Eine lange Liste von Kühen, die bereits mehr als 150 MT haben und trotz sinkender Milchleistung noch nicht wieder belegt worden sind. 
  3. Eine fast ebenso lange Liste von Kühen, die mit einer Leistung von weniger als 22 Mkg noch in der melken Herde verweilen und nicht trocken gestellt werden.
  4. Alternativ zu 2 und 3 kann man auch einfach gar keine Listen führen. Dann fallen einige Kuhdamen gleich durchs Raster und es wird vergessen sie zu belegen oder trocken zu stellen. 
  5. Eine Trockensteherration, die nicht an das Energieniveau der melkenden Ration angepasst ist und die hochtragenden Tiere kugelrund werden lässt. 
  6. Eine Trockensteherbox, mit zu wenigen Fressplätzen, sodass einzelne Kühe das Futter für sich „reservieren“ können oder auch eine schlecht gemischte Ration. So können sich die Kühe, die zuerst im Fressgitter stehen die energiereichsten Teile der Ration raus selektieren. 
  7. Eine Ration für die melkende Herde, die nicht auf ihr Leistungsniveau abgestimmt ist.
  • Fertig ist die zu dicke Kuh!


Wie erkenne ich überhaupt eine zu dicke oder zu dünne Kuh?

Unsere Kollegin Lea hat das in den Zeichnungen toll veranschaulicht. Die offensichtlichsten Merkmale sind darauf gut dargestellt und nicht zu übersehen, wenn man sich einmal die Mühe macht, diese an den eigenen Kühen zu suchen.


  • Bei einer zu dünnen Kuh sind die Rippen schon aus der Entfernung zählbar, die Hüfthöcker stehen weit heraus und auch die Dornfortsätze der Wirbelkörper sind deutlich sichtbar und fühlbar. Legt man die Hand quer zur Wirbelsäule auf, knicken die Finger ab. Auch am Schwanzansatz ist die zu dünne Kuh zu erkennen. Hier sind seitlich des Schwanzansatzes tiefe Kuhlen zu sehen.
  • Um die Rippen einer zu dicken Kuh sehen zu können muss man schon nah ran und genau hinsehen. Manchmal sind sie sogar nur noch unter Druck ertastbar. Der Hüfthöcker hebt sich nur wenig hervor und die Dornfortsätze sind kaum zu sehen, die Hand bleibt beim Auflegen auf den Rücken fast gerade. Am Schwanzansatz finden sich seitlich dicke Fettpolster, aus denen der Schwanz herauszuwachsen scheint.
Das alles sind sehr subjektive Merkmale, die für den groben Überblick über die Herdenkondition ausreichen. Wer aber früh erkennen möchte, wann Kühe zu- oder abnehmen, der braucht andere Hilfsmittel. Wir bestimmen alle 4 Wochen die Rückenfettdicke (RFD) mithilfe eines Ultraschallgerätes. Das geht schnell, gibt genaue Daten und ist objektiv. Ein kleiner Schluck 70%igen Alkohol etwa in der Mitte zwischen Hüfthöcker und Sitzbein genügt und in Sekunden ist das Ergebnis abgelesen. So hat man schnell die gesamte Herde erfasst und kann auf den Millimeter genau die Kondition der Herde bestimmen. Die detaillierte, monatliche Auswertung dieser Daten stellt einen essenziellen Teil unserer Arbeit dar!


Wie kann ich die optimale Kondition meiner Kühe sicherstellen?

Aber was sind die wichtigsten Managementschritte im Bestand, um möglichst wenige zu dicke oder zu dünne Kühe zu „produzieren“?


  • Die Ration der melken Herde UND der Trockensteher muss auf das Leistungsniveau der Herde angepasst sein. Durch hohe Mischgenauigkeit der Ration wird verhindert, dass die Kühe selektieren können. 
  • Futter ist für alle Kühe rund um die Uhr verfügbar. 
  • Das Erstkalbealter bzw. die Kondition zur ersten Kalbung legt schon den Startschuss für die zu dicke oder zu dünne Kuh. Eine Färse sollte zur ersten Kalbung 85-90% des Körpergewichts der älteren Kühe im Bestand haben. (Vorausgesetzt diese sind nicht alle über- oder unterkonditioniert natürlich)
  • Die Nachverfolgung des Konditionsverlaufs anhand der RFD im ersten Drittel der Laktation ermöglicht es, die Kühe genau dann neu zu belegen, wenn sie aus dem physiologischen Energiedefizit raus sind und wieder zunehmen, sprich mehr Energie über das Futter aufnehmen, als sie für die Milchproduktion verbrauchen. 
  • Konsequentes Fruchtbarkeitsmanagement. Kein „Ach da warten wir nochmal ab“. 
  • Konsequentes Gesundheitsmanagement. Entzündungen kosten den Körper Unmengen an Energie. Kranke Kühe nehmen daher besonders rasant ab. Kein „Oh da gucken wir morgen mal unter die Klaue“. 
  • Stallventilation ermöglicht den Kühen auch an heißen Tagen hohe Trockenmasse Aufnahmen. 
  • Keine Überbelegungen, auch und ganz besonders im Trockenstand nicht. 
  • Die Klauengesundheit spielt vor allem für die zu dünne Kuh eine entscheidende Rolle. Regelmäßige Klauenpflege (mindestens 3x jährlich) ist Pflicht
Nun muss jede:r selbst prüfen und dafür sorgen, dass diese Kombi oder mehrere Punkte auf ihrem/seinem Betrieb nicht vorkommt. Nur mit einem konsequenten Management und einer genau abgestimmten Fütterung bleiben die Kühe in Topform! Und nur wer versteht, was Kühe brauchen, kann Tiere vor solch einem Schicksal und den Betrieb vor großen Verlusten bewahren. Kuhkraft wird nicht müde werden, dieses Verständnis für Kühe zu kommunizieren.

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Autor:innen

Kuhkraft

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